Der Geist im Welzheimer Wald

Schorndorf – Farbenspiele in der Daimlerstadt

Gottlieb Daimler ist hier geboren. Ich war zum ersten Mal in dieser Kleinstadt – das Ende einer S-Bahn-Linie östlich von Stuttgart –, als ich bei Nacht und Nebel der Einladung eines Studienfreundes gefolgt war, der in der örtlichen Buchhandlung seine Dissertation vorstellte. Er hatte über gesellschaftlichen Wandel in der alten Bundesrepublik im Spiegel von Pfarrberichten geforscht, und auch wenn er das als Historiker und vergleichender Religionswissenschaftler gewissermaßen aus einer Außenperspektive tat, fand der Pfarrerssohn mit seinem Thema hier doch ein Publikum: das protestantische Bildungsbürgertum der Stadt, das die Buchhandlung annehmbar füllte.

Als ich zum zweiten Mal in den Ort komme, ist vieles ganz anders – und doch manches ähnlich. Es ist Altweibersommer, die Sonne strahlt über der Stadt. Dem Bahnhof gegenüber steht ein braunes Triumphgebäude aus aufeinandergeschichteten Würfeln – der Neue Postturm, einige Stockwerke suchen offenbar noch Mieter –, so etwas wie der Versuch einer architektonisch kompromisslosen Moderne in der schwäbischen Provinz. Gegen die Altstadt, die sich sofort anschließt, vermag der Turm nicht mehr als einen Akzent zu setzen. Es ist Samstag und der Kopfsteinpflasterplatz zwischen schmuckvollem Fachwerkprunk beherbergt einen regen Wochenmarkt. Er ist überraschend groß, überraschend lebendig, ein schöner, vielseitiger Wochenmarkt, der kaum Wünsche offen lässt. (Bis auf den natürlich, dass er ein protestantischer Markt ist: Man kommt zum Einkaufen auf den Markt und damit genug. Der Wochenmarkt als Manifestation des unmittelbaren Lebensgenusses, auf dem man an kleinen Ständen den herrlichsten Kaffee bekommt und frischgepresste Säfte, im Stehen ein köstliches kleines Frühstück genießt oder auch zwei, Freunde und Bekannte grüßt und neckt, überhaupt zusammenkommt, um zu sehen und gesehen zu werden, wo ein fast italienischer Charme in deutsche Innenstädte geholt wird, diese wunderbaren Wochenmärkte kenne ich nur aus katholisch geprägten Städten.)

Immerhin sind die Schorndorfer genussfreudig genug, um rund um den Wochenmarkt die fest etablierten Cafés zu füllen. Es ist ein Bild der Fülle, der Ordnung, einer kleinstädtischen Sauberkeit und Lebensbejahung, ein Wohlstand aus frischem Gemüse und historischer Tradition. Schwarzgrün wäre das politische Äquivalent zu diesem Bild, denke ich mir. Die Realität ist noch weit ernüchternder. Gleich in einer hochfrequentierten Seitenstraße steht der Infostand einer Partei. Es ist die AfD, vertreten durch gleich vier oder fünf Parteigängern.

(Um mich nicht etwaigen Vorwürfen der Schorndorfer auszusetzen, eine Ergänzung aus Wikipedia: Der amtierende Bürgermeister von Schorndorf ist von der SPD, bei den letzten Kommunalwahlen stand die FDP deutlich vor den Grünen auf Platz 3. Was die Landtagswahl in zwei Wochen bringen wird?)

Welzheimer Wald_Schwäbisch-Fränkischer Wald_Ausflug

Ross vor dem Kirschenwasenhof. Dort stehen dann ganz andere Fahrzeuge – ein Porsche sogar mit vertrauensvoll offen stehender Fahrertür.

Schamgrenze am Ebnisee

Auf einem Parkplatz inmitten bewaldeter Hügel üben sich Motorräder in Rudelbildung. Biker halten gern hier am Kiosk der Familie Wörner. Die Currywurst gibt es wahlweise scharf und süßsauer. (Oder war es doch nur rot-weiß? Ich erinnere mich nicht mehr.) ‚Reisedevotionalien‘ ergänzen das Sortiment: Postkarten aus dem Welzheimer Wald, Krimskrams zum römischen Limes, der sich hier durch die Wälder zieht, Karten der Freizeitregion. Nördlich davon liegt der Ebnisee mit seinen braunen, ganz undurchsichtigen Wassern. Er war im 18. Jahrhundert künstlich angelegt worden als Flößergewässer. Von hier wurde das geschlagene Holz über Wieslauf, Rems und Neckar in die Residenzstädte Stuttgart und Ludwigsburg gebracht. Heute dient der Ebnisee als Herzstück eines Naherholungsgebiets für Städter aus Schorndorf, Backnang und Winnenden, aus Stuttgart und Esslingen. Ein kleines Hotel am Ufer bietet Übernachtungen an, ein Tret- und Ruderbootverleih schließt sich an. Angler warten geduldig am Ufer, ein paar Boote sind auf dem Wasser. Schwimmer sehe ich keine an diesem 12. September, nur ein paar Enten.

Vom See bin ich enttäuscht. Er ist mir gar zu sehr erschlossen und so sehr Augenweide nicht. Aber es ist gewiss nicht fair, diesen kleinen See am Rande der Region Stuttgart mit den Voralpengewässern zu vergleichen. Ins Wasser zieht es mich trotzdem; doch ich traue mich nicht. Merkwürdig, was hält mich davon ab? Es ist, muss ich mir eingestehen, eine Scham. Ich scheue zurück, als einziger ins Wasser zu steigen, damit unweigerlich Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Es ist, genau bedacht, sehr lächerlich. Würden mir die Blicke von einem halben oder ganzen Dutzend Menschen weh tun? Gewiss nicht. Werden sie lachen, weil ich statt einer Badehose halt eine Sportfunktionsunterhose anhabe? Nein, das werden sie nicht einmal erkennen! Erwartet mich soziale Ächtung, weil ich mich zurück aus dem Wasser nur mit einem Schal anstelle eines Handtuchs abtrocknen werde? Niemanden juckt’s. Es ist eine ganz irrationale Scham.

Jetzt kann ich natürlich nicht mehr zurück, schließlich geht es nicht darum, mich in einer Fußgängerzone lauthals zum Affen zu machen. Alles, was ich zu tun habe, ist meinen Rucksack auf der untersten Treppenstufe abzustellen, meine Kleidung darüberzulegen und in die braune Brühe zu steigen. Es ist frisch, aber nicht furchtbar kalt. Ein paar Leute wenden den Kopf, mustern mich, wie ich zu der Plattform in der Mitte des Sees schwimme. Ihre Blicke schmerzen nicht. Mit dem Gefühl eines kleinen Triumphes steige ich einige Minuten später wieder auf mein Rad.

Ebnisee_Welzheimer Wald_Schwäbisch-Fränkischer Wald_Limes_Legionär_Kiosk

Ein Kiosk am Ebnisee wird bis heute von römischen Legionären bewacht.

Alternativwelten im Schwäbisch-Fränkischen Wald

Es geht hinab, lang hinab, weit hinab, an tief geschnittenen Tobeln vorbei, ich staune, wie lange es hinabgeht, und lasse, den Körper ungeschützt, das Rad doch nicht frei laufen auf diesen Schotterwegen. Wild ist der Wald und dann öffnet sich plötzlich eine Landstraße unter einer alten Eisenbahnbrücke, eine Bushaltestelle verkündet die Verbindung in die Zivilisation, moderne Gebäude sprenkeln ein Tal, die Tafel eines Cafés, Kinderlachen auf Spielplätzen, ein „Erfahrungsfeld der Sinne“ hinter den Bäumen, Bodenwellen und Ampeln auf dem asphaltierten Zubringer.

Ich durchquere das Grundstück der Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft in der Laufenmühle. Hier finden rund 85 Menschen mit geistiger Behinderung einen Lebens- und Arbeitsplatz. Betrieben wird die soziale Einrichtung auf anthroposophischer Grundlage und die an das Café angeschlossene Kaffeerösterei el molinillo beliefert sogar die Kantine der Weleda AG in Schwäbisch Gmünd am südöstlichen Rand des Schwäbisch-Fränkischen Waldes.

In Stuttgart kann man leicht übersehen, dass die Stadt eines der Hauptzentren der Anthroposophie ist. Hier im Schwäbisch-Fränkischen Wald tritt die von Rudolf Steiner gegründete Weltanschauung überraschend deutlich entgegen. Die ganze Höhe hier zwischen Rems und Murr zeigt immer wieder eine anthroposophische Prägung, von Weleda im Süden bis zur Villa Frank – im Besitz der Christengemeinde und in unmittelbarer Nachbarschaft eines anthroposophisch ausgerichteten Seniorenheims – in Murrhardt im Norden, dazwischen die Laufenmühle oder das idealistische Klein-ORPLID e.V., einer „Lebensgemeinschaft der Generationen und Menschen mit besonderen Schicksalen“. Und wer weiß, vielleicht zeugt der Schlag der Holzskulpturen in Waldenweiler ebenso von einer anthroposophischen Ausbildung wie die auffallende, in Stein gemeißelte Schrift am Biotop Bühlhau.

Aber nein, die Stele ist vom Bürgermeister von Althütte gestiftet. Der wird ja wohl nicht auch noch Anthroposoph sein.

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21 Gedanken zu „Der Geist im Welzheimer Wald

    • Der frühere Bundespräsident Herzog meinte einmal, er könne mit geschlossenen Augen auf dem Wochenmarkt einer ihm fremden Stadt sagen, ob er sich in einer einstigen freien Reichsstadt befinde oder nicht. Woran er das festmacht, weiß ich leider nicht. Aber es ist interessant, wie man offenbar verschiedene Prägungen an Märkten festmachen kann.
      Herzliche Grüße, Holger

      • Sehr interessant. Ich überlege schon den ganzen Morgen wie und worin sich die Märkte unterscheiden, aber ich komm auf nichts spezielles. Allerdings kenne ich auch ziemlich wenig Märkte. In Zukunft werde ich darauf achten.
        Beste Grüße
        Erich

  1. Das Wort „Augenweide“ wird mein Wort des Tages für den morgigen Februarsschalttag – danke. Auch ansonsten ist der Artikel wie immer interessant und lesenswert!
    Gruß von Sonja

    • Nun habe ich noch gar nicht nachgeschaut nach Ihrer „Augenweide“ vom gestrigen Tag, aber ich freue mich sehr über eine solche Rückmeldung.
      Herzliche Kesselstadtgrüße – morgens Winter, mittags Frühling!

  2. Das erste Kapitel hätte Hermann Hesse lesen sollen bevor er zum ersten Mal über Calw schrieb. Aber der ist bereits hundert Jahren vor Ihnen geboren, insofern…

    Das zweite Kaitel könnte von mir sein. Nicht wegen der guten Schilderung, nein, wegen des Erlebens. Normalerweise spricht man über so etwas nicht, weil es irgendwie gerade noch am Rande des guten Geschmacks liegt. Ich danke Ihnen dafür.

    Über das drittel Kapitel erlauben Sie mir bitte, noch einen Moment nachsinnen zu dürfen.

    Abendlichherzliche Grüsse aus dem nachtatortlichen Bembelland

    • Herr Ärmel, wenn Sie sagen, der Hermann Hesse hätte mal den Zeilentiger lesen sollen, dann hören Sie mein zufriedenes Gelächter bis über Calw hinaus.

      Dass Sie daraufhin meinen, das zweite Kapitel könnte von Ihnen sein (und warum), dann gefällt mir das auch sehr, denn es zeigt, dass die Schilderung erreicht.
      Und bitte, ja, denken Sie über das dritte Kapitel nach. Ich bin mir sicher, Sie haben etwas dazu zu sagen.
      Herzliche Grüße aus dem Kessel

      • Das warum ist eigentlich selbsterklärend: es wäre mir unangenehm, wenn mir viele Passanten zuschaeun würden, ohne Eintritt gezahlt zu haben 😉
        Abendlichschöne Grüsse aus dem wachen Bembelland

      • Ich hätte statt „und warum“ besser „und das Warum“ geschrieben. Denn eine Frage wollte ich nicht stellen, eine Antwort hatten Sie ja schon geliefert. 😉

  3. Katholische Wochenmärkte finde ich herrlich. Manchmal würde ich mir allerdings wünschen, die Bänke an ihren Rändern wären protestantisch, also gar nicht besetzt, daß ich leichter Platz fände mit meinem Kaffee und Brötchen.
    (Ich merke sogar an dieser Schilderung: Radfahren wäre mir zu schnell. Ich bin wohl und bleibe Fußgängerin.)

    • Das wäre doch eine gute Aufteilung. (Dabei bin ich gar nicht so schnell geradelt. Aber ich verstehe es: Gehen zu Fuß ist gewissermaßen das Herz, das Innerste, der Fortbewegung.)

  4. Als schwäbische Katholikin, die immer nur in evangelisvhen Gemeinden gelebt hat, n Dauerdiaspora sozusagen, kann ich all das bestätigen, was sie über Mätkte lesen.
    Ich mag Ihre Wanderberichte sehr, erinnern sie mich doch an die Romane von Hermann Lenz. War es Eugen Rapp, der die langen Wandetungen unternahm? Ich weiß es nicht mehr. Sie kennen ihn bestimmt.
    Er hat übrigens mal in der Laufenmühle gelesen, vor der Gruppe 47.

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dass Sie meine Markteindrücke bestätigen können, freut mich sehr. Mit Ihrem Hinweis auf Hermann Lenz gewinnt die Laufenmühle nochmals eine neue Facette – interessant. Den Autor kenne ich – ich muss es gestehen – viel zu wenig.

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  7. Jetzt, nach dieser Lektüre, weiß ich endlich, warum mir die Wochenmärkte in Italien, Spanien, Portugal so viel besser gefallen als die „preußischen“, sie sind alle katholisch. Auch habe ich den gravierenden Unterschied zwischen Restaurants in calvinistisch und katholisch geprägten Gegenden (Niederlande/Belgien) testen können. Im eigenen Land wartet nun die Aufgabe der Wochenmarktbeobachtung auf mich. Danke für den Hinweis und den schönen Artikel.

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