Die Jagd am Stromberg

Weil „Zeilentiger liest Kesselleben“ ursprünglich als eine Stadterschließung erdacht war, haben in die Rubrik „Ausgekostet“ bisher nur Cafés und Restaurants in Stuttgart gefunden. Der „Ochsen“ in Diefenbach am Rande des Strombergs rechtfertig eine Ausnahme von dieser Regel. Der Landgasthof im Dreieck zwischen Stuttgart, Karlsruhe und Heilbronn lohnt einen Ausflug.

Unterhalb der Dorfkirche steht am Eck einer wunderschönen Fachwerkstraße der „Ochsen“. Am Treppenaufgang, von Auszeichnungen flankiert, verweist ein Schild Besucher auf den Hintereingang. Ich zögere dort, muss mir meinen Weg suchen, bis ich in der Stube lande. „Hallo“, grüßt mich Koch und Betreiber Georg Barta aus der Küche heraus und schiebt ein „Grüß Gottle“ hinterher, sicher ist sicher.

Die Stube hat ihren Namen wirklich verdient, der überschaubare Raum atmet einen bodenständigen Geist. Die Gaststube stammt aus dem 18. Jahrhundert, das Gebäude selbst geht auf das 12. Jahrhundert zurück. (Nach dem Brandloch auf einem der Tische aus der Zeit, als der Ochsen französische Kommandantur war, habe ich nicht gesucht.) Im Eck steht am zweiten Advent schon ein geschmückter Christbaum, vor der Tür auf den Vorplatz brennt eine gewaltige Adventskerze und erklärt, warum Gäste die Hintertür zu nehmen haben. Die alte Pendeluhr schlägt zur vollen Stunde die Töne an.

An einem Tisch sitzen zwei ältere Paare, ich habe von meinem Platz aus nur die Herren im Blick, ergraute Vollbärte, die Gesicher sprechen von einer gewissen Privilegiertheit, ohne den Bodenkontakt je verloren zu haben. Ich muss an den ehemaligen Leiter des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart denken. Der Kellner ist ein aufgewecktes Bürschchen: ein hübscher Dunkeläugiger, reinstes Hochdeutsch, eine theatralische Note in den Gesten und die Angewohnheit, auf Eingangsfragen von Gästen ironisch zu antworten, anschließend von heiterer Liebenswürdigkeit. Auf meine Bestellung eines „Schneewittchens“ hin ist er irritiert, aber so steht es eben auf der Karte, so nennt sich dieser Apfelzwetschgensaft (oder besser sein Erzeuger, die Streuobstinitiative Enzkreis-Freudenstadt-Calw).

Die Speisekarte ist überschaubar, nämlich genau eine Doppelseite lang – für mich ein sehr ermutigendes Zeichen. Zwei der Hauptgerichte sind vegetarisch (Veganer dürften es hingegen schwer haben), die anderen mit Fleisch – ausgesucht und wie die allermeisten Zutaten im „Ochsen“ aus regionaler Produktion. Als Gewohnheitsvegetarier – heutzutage elegant mit Flexitarier umschrieben – weiche ich hier gerne von meiner Gewohnheit ab und fröne der Fleischeslust.

EC-Karten werden im Ochsen nicht angenommen. Ich muss mich nach Blick in die Tasche zurückhalten, koste weder die Gänsebrühe mit Maronen, noch gönne ich mir zum Nachtisch ein Zimtflädle mit hausgemachtem Eis. Aber die Maultaschen vom Wild aus dem hiesigen Naturpark tun es auch – mit in Butter angebratenen Kräuterpilzen auf Rahmwirsing mit bunten Karotten und überbacken mit Allgäuer Käse. Köstlich sieht der Teller aus, köstlich duftet er und der Geschmack steht dem in nichts nach. Alles daran schmeckt echt – das Gemüse wie „dahoim“ bei Mutter oder Großmutter, der herzhafte Sud der Maultaschen frei von verfälschenden Zusatzstoffen, selbst das „Gsälz“ (Marmelade) obenauf könnte man getrost für sich löffeln, so schön unaufdringlich rund ist es. Eine zweite Schorle – Quitte darf es dieses Mal sein – und Hunger wie Durst sind gestillt, der Appetit ist befriedigt und ich setze zufrieden den Wanderrucksack wieder auf. Die Stube hat sich gefüllt. Draußen ist die Wolkendecke aufgebrochen, die Sonne scheint über Weinberge und Waldeshöhen.

Ein ergrautes Ehepaar tastet sich von seinem Auto in das Dorf vor. „Kennen Sie sich aus?“, ruft mich die Dame an. „Wenn Sie den Ochsen suchen, dann ja, ansonsten nein.“ „Ah! Und können Sie ihn empfehlen?“ „Unbedingt!“ „Da haben wir den Richtigen gefragt!“, frohlockt die Dame. Und ihr Mann ergänzt: „Wissen Sie, wir bilden uns ein, hier vor 48 Jahren schon einmal gewesen zu sein. Wir waren uns nur nicht mehr ganz sicher über den Weg.“

Da kann ich nur sagen: guten Appetit!

Der „Ochsen“ in Diefenbach ist auch mit dem Bus (zum Beispiel vom Bahnhof Mühlacker aus) erreichbar. So darf es dann auch gerne ein Achtele aus den hiesigen Reben zum Essen sein. Reservieren empfiehlt sich!

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Auf dem Stromberg

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3 Gedanken zu „Die Jagd am Stromberg

  1. Lieber Zeilentiger, Sie weilen in Nahost und ich grübele nun über den Ochsen. Ich lernte viele solcher gleichbenamsten Dorfgasthäuser schätzen. Diefenbach, Stromberg, mir kullert Maulbronn und das Kloster durch die Denkapparatur. Sollte es dieser Ochsen gewesen sein? G***le bemühe ich nur notfalls und ich bin viel zu neujahrsträge um den Atlas aus dem Automobil zu holen, also halte ich es stilllächelnd mit dem ergrautem Ehepaare und bilde mir es einfach ein, diese Gaststube und den Weg dahin zu kennen.
    Oder es liegt mal wieder an Ihrer lebendigen Schreibe, mmmhhh, Wildmaultäschle mit G’sälz (Der Apostroph ist der Neig’schmeckten geschuldet!), daß mir der Zahn nun tropft…

    Auf jeden Fall hinterlege ich hier die herzlichsten Neujahrsgrüße, verbunden mit den besten Wünschen, Ihre Frau Knobloch, erinnerungsverwuschelt.

    • Liebe Frau Knobloch, ich hoffe, Sie sind gut (und ohne Tropfezahn) ins neue Jahr gekommen! Ochsen, ich meine natürlich „Ochsen“ kennen Sie gewiss viel mehr als ich, auch wenn es dieser eine dann doch nicht wahr. Herzliche Grüße aus dem Schnee!

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