Die dreibeinigen Herrscher

Europa liegt unter Nebel, so scheint es, so ist es zumindest über Hunderte von Kilometern hinweg. Mit der Dämmerung rückt die Welt dann noch weiter fort. Auf der Autobahn ist Stau und er wird dichter, je näher wir der Grenze kommen, an der seit den Anschlägen von Paris wieder provisorische Kontrollen ausgeführt werden. Anfahren und Stoppen, immer wieder Anfahren und Stoppen, in mir Müdigkeit und draußen nur Dunkelheit und Nebel. Ich verliere das Gefühl für Zeit und Raum, werde aus allen Sinnzusammenhängen herausgelöst. Wo bin ich? Warum bin ich hier? Blaulichter künden die Kontrollstelle an und mischen Unruhe unter die Erschöpfung. Endlich rücken auch wir vor ins Nadelöhr. Polizisten in Warnwesten, Gewehre in den Armbeugen, stehen auf dem feuchten Asphalt, eine Batterie von Scheinwerfern leuchtet die Fahrbahn aus, schält uns aus der schützenden Dämmerung des Autos, gibt uns den Bewaffneten preis.

Später dann Blindfahrt auf der freien Autobahn, ich jedenfalls erkenne nichts vor mir, sehe nur, was sich an uns vorbeischiebt, entmenschlichte Industrieanlagen unter milchigen Straßenlampen, Andeutungen von Siedlungen ducken sich im Nebel, Schwärze. Hier regiert nicht mehr der Mensch.

*

Sein obszöner, bleicher, knochiger Leib erhebt sich hoch über den Grabfeldern. Es ist eine Monstrosität, wie sie H. P. Lovecraft hätte beschreiben, Giger sie skizzieren können, eine ghulische Scheußlichkeit und damit ihrem Zweck völlig angemessen. Vor uns liegt das Beinhaus von Douaumont, Erinnerungsort von Verdun.

Wagt man sich unter dem hohen Turm der Toten ins Innere, zeigt sich das Ossuarium überraschend anders. Das mittlere der drei Schiffe nimmt eine große Kapelle ein, nach links und rechts zieht sich weit das Gewölbe mit zahlreichen runden Alkoven für Sarkophage. In die Steine sind bis über den Kopf Namen eingemeißelt: Hedoin Pierre 106 B.C.P. 29.12.95 + 16.6.16. Salamite Casimir, Breton Adrien, Guilloux Aristide … Draußen muss die Wolkendecke aufgerissen sein, denn durch die gefärbten Glasscheiben fällt plötzlich rotes Licht auf den Boden, weihevoll und mahnend. Unter den Bodenplatten liegen Knochenberge aufgeschüttet: die Gebeine von 130 000 Menschen, namenlose Opfer des Schlachtengottes.

Neun Stunden lang legen die deutschen Geschütze die Grenze unter Feuer, zwei Millionen Granaten prasseln in dieser Zeit auf die Frontlinie herab, zerhacken, zerstampfen, zermalmen den Grund. Danach sind die Hügel vor Verdun umgegraben, die Wälder Holzsplitter in einer Wüste aus Schlamm. Zwei Millionen, ich kann die Zahl, kaum dass ich mich aus dem roten Sessel des Vorführraums erhoben habe, schon nicht mehr glauben, nicht begreifen. Zwei Millionen Granaten und dann schweigen die Kanonen und eine gespenstische Stille tritt ein an jenem 21. Februar 1916. Und trotzdem leben da immer noch Menschen nach neun Stunden Hammerschlägen, in Bunkern, in Unterständen, in Ruinen. Als die deutsche Infanterie mit Seitengewehr und Flammenwerfer die Hügel stürmt, beginnen die französischen Maschinengewehre zu rattern. Es ist Tag eins einer 300-tägigen Hölle. Willkommen in der Knochenmühle von Verdun.

Zuhause schneit es, erfahre ich, als wir zwischen Tausenden weißer Grabsteine wandern.

*

Wasserlachen platschen unter Stiefelschritten. Es tropft von den Decken des Forts Douaumont, irgendwo rauscht es in den unterirdischen Gängen, der Korridor zum Lazarett steht unter Wasser. Auch damals, als dieser gewaltige Bunker, eine unterirdische Festung mit Geschützstraßen, umkämpft war, erst von den Deutschen, dann wieder von den Franzosen erobert wurde, wateten die Soldaten durch Wasser. Metallsprossen führen hinter einem Absperrgitter schwindelerregend tief hinab in ein Loch, in einen Schlund, noch tiefer hinein in die Geheimnisse einer finsteren Zeit. Die Soldaten, die sich in dieser Festung vergraben hatten vor dem einstigen Erbfeind, hörten über Kilometer hinweg die Kanonen, die stark genug waren, um die meterdicken Wände aus Stein und Beton aufzubrechen, und sie wussten, in 63 Sekunden würde das Geschoss einschlagen … Was macht ein Mensch in diesen 63 Sekunden?

Draußen, über Stacheldraht und schwärzlichem Mauerwerk, sind die französische und die deutsche Fahne aufgepflanzt. Neben ihnen weht die Europaflagge: goldene Sterne auf blauem Grund. Ich bin so dankbar für sie.

*

Es ist der erste Advent und statt in der Stube einen heißen Tee zu trinken, zirkeln wir weiter auf den Höhen um Verdun. Wind zerrt an uns, Regen schlägt uns entgegen, die Schuhe versinken im Schlamm. Drüben ragt der Ghulturm über den Wald, er hat uns immer im Blick, als würde uns etwas Böses, Totes beobachten. Einmal zwingt uns dort, wo die Karte einen Wanderweg zeigt, die französische Armee zum Rückzug: militärisches Sperrgebiet. Wir machen kehrt, weichen Pfützen aus, balancieren auf schlammigen Stegen. Gehe ich hinten und rücke zu nahe auf, spritzen die bestiefelten Fersen vor mir mit jedem Schritt Matsch auf meine Kleider. Schreite ich voran, ist durch den Wind, durch die Wollmütze und die Kapuze hindurch nur ganz schwach das Flapp-Flapp der Schritte im Rücken zu hören. Dann verschwindet auch dieses Geräusch und einen schrecklichen Augenblick lang fühle ich mich, als wäre ich ganz allein auf dieser Welt.

Wald_Verdun_Frankreich

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22 Gedanken zu „Die dreibeinigen Herrscher

  1. Lieber Tiger, grade sitze ich vor dem Rechner und frage mich, ob ich das Projekt „24 T.“ im Untertitel „Mutmaßungen über Engel“ nennen soll und dann fliegt mir plötzlich Dein Text zu, über die Hölle von Verdun und wie Du auf blutgetränktem Boden herumgehst, grandios geschrieben, Dein Text jagt mir Eissplitter über den Rücken und ich weiß plötzlich, daß auch dies zu diesen Mutmaßungen gehört, ja, auch dies. Ich bewundere Deinen Mut, dorthinzugehen und danke Dir sehr, daß Du drüber erzählst.

    • Liebe Graugans, vielen Dank für deine Worte und deine Offenheit, dir den Text nahegehen zu lassen. Jetzt werde ich mich neugierig deinem Projekt zuwenden. Mut übrigens war für den Gang nicht so sehr erforderlich. Dazu vielleicht gleich mehr in meiner Antwort-E-Mail. Herzliche Grüße!

  2. Ich hab einfach mal bei Google images geschaut, wieso „dreibeinige Herrscher“. Nun habe ich den Turm auch im Bild gesehen. Beherrschen uns die Toten von Verdun? Oder sind es eher dreibeinige Mahner? Denken wir immer noch in den Kategorien der Toten – oder inzwischen: Wieder? Müssen wir sowas wie Verdun noch einmal wiederholen, um endlich zu lernen?

    • Mir gefällt deine Deutung der dreibeinigen Herrscher sehr gut! Der Leidensweg der Menschen wird, vermute ich, nie enden und auch eine Lektion wie Verdun irgendwann ihr Gewicht verlieren. Hundert Jahre erscheinen schon als so viel. Man kann, wenn man will (und muss sich dabei keineswegs furchtbar verroht fühlen) zwischen den Abertausenden Grabzeichen hindurchgehen, ohne zu fühlen, was ich in den Zeilen einzufangen versucht habe. Es ist schon merkwürdig.

  3. In diesem Ihrem Text hat sich das Grauen in Silben manifestiert. Die eigene Behaglichkeit zieht sich zitternd in sich selbst zurück. Ich unterbrach die wohlklingende Musik, um weiterlesen zu können und mein Tee erkaltete gleich mir. Es ist nun nicht angebracht dafür zu danken. Eigentlich. Doch uneigentlich schon. Denn Sprache muß auch mahnen und verwahren. Selbst das Grauen schlechthin. Also danke ich Ihnen, daß Sie da waren und Ihre Gedanken mit uns teilen. Ich behalte die 63 Sekunden tief in mir drin als Achtung vor der hauchdünnen Linie zwischen Leben und Sterben. Herr Zeilentiger, ich habe den größten Respekt.
    Herzliche Grüße, die Ihre.

    • Hoffentlich ist es Ihnen längst wieder warm, liebe Frau Knobloch, mit frischem, heißem Tee versorgt. Danke für Ihre Worte. Wie Sie aus den 63 Sekunden die Achtung vor der hauchdünnen Linien zwischen Leben und Sterben ziehen, beeindruckt mich sehr. Seien Sie herzlich gegrüßt!

  4. Pingback: T.2 der Mutmaßungen über Engel | Graugans

  5. Das Grauen ist für eine kurze Weile in meine Stube gelangt- Millionen von Granaten, 300 Tage Hölle, wie kann man sich das vorstellen? Es gelingt nicht wirklich, nur das Grauen ist fassbar und die namenlosen Gebeine wachsen vor meinem Auge, Filmbilder sehe ich.
    Der 1. Advent, ist der 1. Sonntag im Dezember (oder noch November), der uns Menschen an die Einkehr und den Frieden erinnern soll, du hast es mit diesem Artikel getan, 300 Tage Hölle sind 300 Tage zu viel, sind 300 besudelte Tage. Die Engel ziehen schweigend ihre Runden … Und eigentlich gehört ein Like nicht wirklich hierher, aber ein Dank an dich, fürs Erinnern und Ermahnen.
    herzliche Grüsse
    Ulli

    • Danke dir, Ulli! Ich hoffe natürlich, das Grauen ist längst wieder aus deiner Stube gezogen. Denn Menschen wie du brauchen dieses schlimme Erinnern nicht wirklich.
      Herzliche Grüße
      Holger

  6. Als ich zum ersten Mal in Verdun war, war ich ungefähr 12 Jahre alt. Ein deutscher Guide erzählte uns, wieviel Liter Blut prp Quadratmeter hier geflossen waren (ich weiss es leider nicht mehr, aber es war unfassbar viel). Diese statistische Ziffer jedenfalls, war so eindrücklich und hat sich zusammen mit Fotogrfaien von getöteten Soldaten, die sich – in den verbliebenen Sekunden ihres Lebens- eingenässt hatten, für immer in mein Gedächtnis gebrannt.
    Deine Beschreibung von Verdun holt diese Erinnerung wieder nach oben. Du hast mit Worten ein düsteres, trffendes Bild gezeichnet, eines bei dem mich schaudert.

    • Das klingt sehr eindrücklich. Es braucht, denke ich, solche zusätzlichen Reize, zumindest für viele ist es ‚hilfreich‘. Ganz besonders die Fotos, die du erwähnst, stelle ich mir als sehr wirksame Brücke zu uns dar. Die sollten wohl viel mehr Menschen sehen.

    • Ohne Zeilentigers Antwort vorwegnehmen zu wollen: wir sind dorthin gefahren um zu lernen. Um Geschichte zu spüren, in die wir alle ausnahmslos eingebettet sind. Was wissen wir denn vom Krieg, wenn wir niemals einen erlebt haben und ihn nur von Schwarz-Weiss-Fotografien kennen? Verdun ist aufrüttelnd und schrecklich. Das war es für mich jedenfalls.

      • das ist die Motovation, um solche orte des Schreckens aufzusuchen- ich habe vor vielen Jahre zwei Tage mit FreundInnen in Theresienstadt verbracht- die Eindrücke, die ich von dort mitgenommen habe, so schrecklich wie sie teilweise auch waren, werde ich nie mehr vergessen und habe mich mehr verstehen gelehrt, als alle Schreckensbilder aus Kzs meiner Schulzeit … danke

      • Ich habe noch Schreckenserfahrungen nachzuholen. Das klingt vielleicht merkwürdig (und ich will nichts herbeirufen), aber genau solch eine furchtbare, aber wertvolle Erfahrung, wie du sie beschreibst, hatte ich noch nicht. Wenn man so will, ist Verdun eine Annäherung.

      • Danke, Tikerscherk, da schließe ich mich an.

        Mich hat auch die Frage beschäftigt, wie sehr der Ort wirklich aufrüttelt. Ich glaube, es hängt viel davon ab, wie viel man erfahren WILL – wobei Reize (wie die von dir genannten Fotografien) ganz entschieden helfen. Man kann zwischen Tausend Grabkreuzen hindurchgehen und nicht so sehr viel empfinden. Eine Stimme, die zu uns spricht, oder Fotos, von denen du berichtet hast, helfen sehr, uns aufrütteln zu lassen.

    • Aus Neugierde. Um dem nachzuspüren, wie es wohl war. Um dem Unbegreiflichen ein Gesicht zu geben. Und um zu spüren, was geblieben ist an solchen Orten. (Danke auch für das Erstens.)

  7. Ach. Und es waren keine dreibeinigen Herrscher, es waren ja Menschen, die sich haben begeistern lassen, die ihrer Pflicht nachgekommen sind. Und wir heutigen haben so wenig gelernt — nur sind Kriege indirekt geworden für die, die sich’s leisten können. Prima verdrängbar.
    Danke für die Erinnerung.

    • Prima verdrängbar, ja. Interessanterweise bekommen auch Drohnenpiloten, die über Tausende von Kilometern entfernt die Bomben lenken, posttraumatische Belastungssyndrome. Es muss also einen Rest geben, der sich selbst dann nicht ganz verdrängen lassen will, wenn man schön vom Büro und dem Computer aus tötet.

  8. Ich danke Ihnen für diesen eindringlichen Bericht, lieber Zeilentiger.
    Verdun ist bloss einer dieser Orte.
    Orte des ebenso masslosen wie unerfassbaren Grauens. Es sprengt nicht unsere Vorstellungskraft, wir erreichen nicht einmal diesen Komplex der Unmenschlichkeit, der Verwüstung und der Menschenschinderei.
    Vielleicht genau deshalb besuchen wir diese Orte noch heute.
    Verdun, Sedan, den Collet de Linge und die Konzentrationslager.
    Beim Betreten dieser Erinnerungsorte nehmen wir kaum die Fragen an uns Heutige wahr: Wo stehst du? Wie denkst und handelst du?

    Morgendliche Grüsse aus dem Bembelland, Ihr Herr Ärmel

    • Danke für Ihren Kommentar, lieber Herr Ärmel, der einen etwas anderen Blick auf die Sache wirft! Ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie vollständig verstanden habe, meine jedenfalls, dass sich manche diese wichtigen Fragen, die Sie zum Schluss aufrufen, schon fragen. Aber nicht alle. Man kann auch an solchen Orten stumpf einen Fuß vor den anderen setzen und dann zum nächsten Programmpunkt übergehen.

      Abendliche Grüße vom Kesselhang, Ihr Zeilentiger

      • Auch diese Orte gehören zu unserem Leben. Menschen handeln auch dort, wie sonst irgendwo anders.
        Manche sind beeindruckt und andere, Sie sagen es, setzen „auch an solchen Orten stumpf einen Fuß vor den anderen.“
        Bedauerlicherweise.
        Abendschöne Grüsse aus dem Trotzdembembelland

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