Lob des Altshauser Weihers – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 3)

„Der Herrgott muss ein Mann sein, dass er Wespen geschaffen hat, denn eine Frau würde so etwas nicht erfinden“, sagt die Wirtin in ihrer Mundart. Dass das logisch betrachtet noch ein paar andere Schlüsse zuließe, spreche ich lieber nicht aus.

Reden wir nicht über Verkehrsführung, beispielsweise. Nicht über die lärmende Bundesstraße, deren Streckenführung auf meterhohem Beton einer Vergewaltigung des Ortes gleichkommt. Nicht über die Rohheit des Stammtisches (in einem Ort, in dem übrigens die ÖDP bei der letzten Kommunalwahl wenigstens einen Sitz erhalten hat, Grüne und SPD im Gemeinderat aber gar nicht vertreten sind). Nicht über die Einsamkeit des arabischen Flüchtlings auf der Bank. Nicht über die brabbelnden Alkoholiker auf der Grünfläche. Im Übrigen auch nicht über das Schloss, in dem der Herzog von Württemberg residiert. Reden wir über den Weiher der Gemeinde Altshausen.

Der „Alte Weiher“ bildet, um im Erfahrungsmuster des katholischen Oberschwabens zu bleiben, den Höhepunkt eines Kreuzweges, den Kalvarienberg meiner Wallfahrt freudiger Weltbejahung. Erreicht man gegen Ende eines langen Wandertages nach Hirschegg das lieblichste Wegstück der Etappe – über Hügel so sanft geschwungen, dass sie das Auge erfreuen, die Beine aber nicht ermüden, auf Kiespfaden an die Hecken gelockt mit ihren prallen, dunkelblauen Schlehen, dem saftigen, schwarzviolettem Holunder, rot leuchtenden Vogelbeeren –, zeigt sich der Weiher zum ersten Mal, entlarvt sich seiner Glätte wegen, einer Fläche viel zu eben für festes Terrain. Die Fläche glitzert und der Schritt beschleunigt sich noch einmal.

Über eine lange, sehr lange Birkenallee ist es mittags aus Bad Saulgau hinausgegangen zur St. Wendelinskapelle und weiter zum Dorf Sießen mit seiner imposanten Klosteranlage samt Barockkirche. Das müsste man sich eigentlich ansehen, aber ich bin ja gerade erst von der Mittagsrast aufgebrochen und habe noch reichlich Wegstrecke vor mir, da fehlt mir die rechte Muße zur Besichtigung. In Waldfluren führt mich der Nachmittag, durch eine Wiederaufforstung, schließlich an einem Golfplatz ohne einer Menschenseele vorbei geht es hinauf nach Heratskirch, wo hinter dem Pferdehof die Rhein-Donau-Wasserscheide verläuft. (Einer Wasserscheide entlang zu wandern, das wäre auch einmal ein Projekt.) Auf der Bomser Höhe öffnet sich die Landschaft weit nach Süden. Die Alpen sind auch heute im Dunst verborgen. Das Dörfchen Boms ist unerwartet rege, viele Menschen sind an diesem Spätnachmittag zu sehen, sie werkeln, organisieren, schwatzen, ja sie grüßen auch den fremden Wanderer und einer von ihnen spricht Bairisch. Wie sehr sich Boms von Bondorf unterscheidet, und beide sind sie Bad Saulgau so nah.

Bomser Höhe_Boms_Oberschwaben_Wanderung_HW 7_Sommer

Blick nach Süden.

Freundliche Bäume, verspieltes Schilf begrüßen mich in der Senke. Einst zog sich der Alte Weiher, 1276 vom Deutschen Orden angelegt, noch tiefer in das Tal hinein. Heute beträgt er nur noch einen Bruchteil seiner einstigen Größe und nur der südöstliche Teil ist freie Wasserfläche, der Rest von Pflanzen bewachsen. Parallel zum Ufer verläuft ein Grasweg – die reinste Wohltat für die Füße nach 30 Kilometern Marsch –, an Grauweiden, Schwarzerlen und Birken vorbei, entlang der ehrwürdigsten Eschen, die man sich nur ausmalen kann, der Stamm so dick, dass es zwei, gar drei Erwachsene bräuchte, den Baum zu umfassen. Als sich die Wasserfläche öffnet, dringt von drüben das ausgelassene Geschrei von Kindern herüber. Die ersten Häuser stehen direkt am Wasser, auf dem Rasen dazwischen sitzt eine Bewohnerin in einem Liegestuhl, ein Buch in der Hand. Sommerleben in Altshausen.

Mein Gasthaus ist rasch gefunden, das Fenster des Zimmers lässt einen Blick auf den Weiher zu und fünf Minuten später bin ich im Freibad und tauche ins Wasser ein. Es ist eine Erlösung nach dem Marsch in Gluthitze. Gerade recht ist die Temperatur des moorigen Wassers. Man darf sich nur nicht daran stören, dass bisweilen Pflanzen an den Beinen kitzeln – ich zucke dabei immer zusammen, habe das nie gemocht, obwohl ich es aus Kinderjahren her kenne – , auch daran nicht, dass irgendwo unter einem Hechte schwimmen und der Weiher vermutlich eine Legion von Blutegeln beheimatet. Gesehen habe ich keinen.

Ländlichkeit und Moderne begegnen sich im Strandbad von Altshausen. Ein richtiger Sandstrand ist angelegt mit Rutsche, Spielplatz, Schwimminsel, Kiosk … Apfelbäume bieten Schatten auf der Liegewiese. Wer hier ruht, kann Newtons Schlüsselerlebnis nacherleben. Auf dem Rasen liegen ein paar Äpfel verstreut, neben dem Eingang, wo es sich der Kassierer und Bademeister – braungebrannt in Badehose – in einem Strandstuhl bequem gemacht hat, steht ein Eimer, halb gefüllt mit Äpfeln. Eine Gelassenheit liegt über allem, hat man erst einmal das Schild am Eingang passiert, das dem Bademeister das alleinige Recht zur schlechten Laune zuspricht. Die Kinder ziehen sich im Kreis ihrer Familien ganz ohne Scham auf der Wiese um – hier ist die überbordende Angst des 21. Jahrhunderts noch nicht angekommen, die Eltern ihre Kinder nicht mehr im eigenen Garten nackt spielen lässt. Die Menschen kennen sich, ihr Gang ist entschleunigt, einer fragt: „Und muasch hoit wieder nach Stuagatt hoim?“ „Noi, noi“, antwortet der Befragte. Die Landeshauptstadt ist weit weg. Noi, noi, spreche ich stille nach und lächle in den Sommerhimmel.

Altshausen_Alter Weiher_Wanderung_Oberschwaben_HW 7

Abend überm Alten Weiher

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6 Gedanken zu „Lob des Altshauser Weihers – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 3)

  1. Mensch, Mensch, Mensch, Holger, jetzt fängst du auch noch damit an, die spannendsten Fragen anzureißen, aber nicht zu beantworten: Wie ist denn das nun mit den Wespen und den weiblichen Erfindern? Und den Männern und den Frauen? Davon mal abgesehen, fand ich es richtig schön auf den Hügeln „so sanft geschwungen, dass sie das Auge erfreuen, die Beine aber nicht ermüden“ – und Stuagatt und was nicht alles ist weit…

    • Ach, die Frage nach der Wespe hat es dir angetan, liebe Maren? Knifflige Fragen reichst du da jedenfalls nach. Da ist es doch leichter, über die sanften Hügel zu wandern … 😉

  2. Welch eine grandiose Vermessung. Ich überlege mir, ob die starke Wirkung, die Ihre Berichte bei mir auslösen auf Ihre „Wallfahrt freudiger Weltbejahung“ zurückzuführen sein möge.
    Schreiben Sie weiter – unbedingt.
    Herzlichabermaligen Dank auch für die Vermessung, die weder vermessen ist, noch haben Sie sich vermessen.

    Abendlichschöne Grüsse aus dem wohlbemessenen Bembelland

    • Ihre aufmunternden Worte sauge ich auf und speichere sie an einem guten Platz, wie der Bär das Fett für den Winter. 😉 Ein größeres Projekt sollte einmal herzhaft angegangen werden, da ist dieser Vorrat für die Schreibtischwanderung sehr nüzlich.

  3. Das würde mir wohl auch gefallen, ein Bad am Ende eines ausgiebigen Weges. Das mit den Sehenswürdigkeiten kenne ich; ich erwische mich oft dabei, „beim nächsten Mal“ zu denken.

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