Novemberklein, erstes Drittel

Sie hat ein Tattoo hinterm Ohr und ich denke mir nur: Vampirbesitz.

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Wunderbarste Novemberstimmung. Das Licht der Laternen und Scheinwerfer von einem weichen, lockenden Gelb dank der Teppiche aus Laub und Nebelschwaden, die Luft tatenlustig frisch. Was fehlt, ist nur noch, in ein von tausend Kerzen erleuchtetes Herrenhaus am Hang geladen zu werden.

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Ein Stapel Amtsblätter vor der Tür (niemand liest sie), die Straße gesperrt für eine Baustelle, deren Niederkunft naht, Lockern des Schals im Ahnen von Sonne. Erste Schritte am Tag.

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Mittags Kaffeegespräch mit einem älteren griechischen Herrn. Nach 45 Jahren in Deutschland spricht er immer noch ein fürchterliches Deutsch, und in seiner gebrochenen Sprache erklärt er mir, weshalb die Griechen an ihrer Wirtschaftskrise voll und ganz selbst schuld seien und sich an Deutschland ein Vorbild nehmen sollten. Und ich frage mich: Ist der Mann nun integriert oder nicht?

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Hinter der Trikolore aus Blättern – Gelb, Grün, Rot in drei warmen Streifen – Menschen in Klettergurten. Baumbürger jenes Herbstlandes?

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„Das ist der Tigerpapa.“ Ich stutze über den unerwarteten Ehrentitel. Nachdem die Kinder bespaßt sind, überlasse ich sie wieder ihren Eltern und schreite in das Tal hinab, zwischen den Felsen hindurch, dem Gewässer nach. Forellen schwimmen in Licht. Die Klarheit der Ach ist – ach. Als sich die Türme des Zwiefaltener Münsters vor mir zeigen, biege ich links ab, die Serpentinen hoch, lasse Ziegen an meinen Händen schnuppern. Über Trampelpfade folge ich der Beschilderung, schließlich durch einen aufgelassen Garten hindurch, dann bin ich im Loretto. Für das Café am ökologischen Hofladen bin ich leider zu früh (verlockend reihen sich schon Brote und Gebäck), aber Moritz kann ich mich kurz in der Backstube vorstellen. Er bloggt in seiner Freizeit, fängt in Zweizeilern kraftvoll die Landschaft der Schwäbischen Alb ein. Moritz rollt Teig aus, ich störe, freue mich trotzdem, wieder einmal einen Menschen aus der Blogosphäre im leibhaftigen Leben getroffen zu haben.

Hinter dem Hof schlage ich einen Weg zwischen Buchen ein. Der Boden ist nichts als rotes Laub und Krähen krächzen laut, fordernd, gierig. Beinahe unheimlich ist dieser Novemberwald, träte ein Wesen fremder Art hinter einem Baum hervor, würde ich mich erschrecken, nicht wundern. Dann begreife ich das Kreischen der Vögel. Ein Luftkampf findet statt, Bussarde hart bedrängt von einem Krähenschwarm. Die Schlacht begleitet mich noch eine Weile.

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Pappardelle al filetto di manzo. Ein Traum in Nelke und Tomate.

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Gedicht, das ich im Vorbeigehen treffe, du gefällst mir. Ja doch, Walt Whitman würde sich freuen über diese Begegnung in der Straßenbahn.

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Das Fenster in Blau quert sie, dann hält sie unterm gelben Schein des nächsten, als wäre es hier wärmer für ihre dringlichen Worte am Ohr.

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Waldbier 2014: Schwarzkiefer. Eine leichte, grüne Flasche mit dem elegant schlichten Etikett eines Produkts, das weiß, was es wert ist. Die Flüssigkeit unter dem zarten Schaum in der Farbe von Bernstein und Baumpech, eine Note von Honig und Met in der Nase, von Harz auf der Zunge, bitter und süß umspült zugleich wie das wahre Leben. Ein kleines, starkes Bockbier aus „100% heimischen Rohstoffen“, gebraut in Österreich, weshalb das Bier Schwarzkieferzapfen aus den Bundesforsten des südlichen Wienerwaldes aufnehmen darf. Ein richtiges Genussbier, das seine Zeit verdient. Etwa zu einer Schallplattenseite von My Brightest Diamond.

Tigerfeld_Schwäbische Alb_Glastal_Tiger_Wegweiser

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12 Gedanken zu „Novemberklein, erstes Drittel

  1. Herbstbuntleuchtende Gedanken und Eindrücke einer Wanderung mit beeindrucken Erlebnissen.
    Vielen Dank für diese Mitteilungen.

    Morgendlichvorsonnige Grüsse aus dem klingen Bembelland

  2. Hallo Holger,
    du hast uns nicht gestört, ich war nur etwas überrumpelt, weil alles so schnell ging. Ich verfolge deinen Blog regelmäßig und weiß, dass du des Öfteren hier in der Gegend unterwegs bist. Am 30. Oktober kam ein längerer Film im Dritten über den Hof hier und das Backen und seit dem werden wie etwas überrannt.
    Nochmal vielen Dank für deinen Besuch, es hat mich sehr gefreut.
    Schöne Grüße von der Schwäbischen Alb

    • Hallo Moritz, das ist sehr nett, dass du das sagst, aber ein bisschen ein schlechtes Gewissen hatte ich schon: Da platze ich einfach rein, während ihr mitten in der Arbeit seid und gerade erst schon andere Leute euch aufgehalten hatten. – Toll, dass bei euch gefilmt wurde! Aber ich kann mir vorstellen, dass es dann erst auch mal ein bisschen viel ist.
      Herzliche Grüße

  3. Oh, schön. (Der November als Wandermonat ist unterschätzt, aber ich glaube, ich freue mich darüber.) Und danke fürs Erinnern an die Bäckerworte; die habe ich eine Weile mit Freuden gelesen und dann wieder aus den Augen verloren, wie das so ist.

    • Am Wochenende vor neun Tagen muss es in den Alpen wunderbarstes Wanderwetter gegeben haben, wurde mir vorgeschwärmt. Ich war leider nicht dort, aber vielleicht sieht der November mich noch gen Sternenfels gehen – allein schon der Name hätte es verdient. Sollte ich einmal in jene Mittelgebirge in Rheinnähe kommen, würde ich mir vielleicht erlauben, Ihnen eine Nachricht zu schicken. Ohne aber beim Ansetzen des Rotstiftes stören zu wollen.

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