„Das tat ich für dich!“ – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 2)

In der Morgensonne machen sich bereits Besucher auf den Steg ins Herz des Federsees auf oder warten vor dem Museum, radeln dahin oder sitzen vor dem Eiscafé. Wandert man aus Bad Buchau hinaus, wird es aber sehr schnell ruhig. Auf Stunden werde ich auf den Wanderwegen niemandem begegnen. Stille liegt über den Wegkreuzen, nur ein Raubvogel zirkelt über dem Mais, weißer Kopf, roter Schwanz, ein Rotmilan, vermute ich, ohne es wirklich zu wissen. Das erste Waldstück zeigt sich licht, sein Untergrund besteht aus grünem Gras, büschelweise legt es sich auf die eine oder andere Seite. Diese Wegstrecken sind heiter wie die Wälder von Asterix und Obelix, nur dass hier statt endloser gallischer Eichen ein paar Buchen und Pappeln stehen. Am Waldrand zittern Espen.

Oberschwaben_Sommer_Wald

Weggefährten

Was für eine Gnade, an einem Donnerstagvormittag über menschenleere Waldwege gehen zu dürfen! Aber recht bald wird es mir doch langweilig. Die Waldflecken sind hier nie sehr groß, aber solange man sich auf Forstwegen bewegt, schweift das Auge nicht weit. Nicht jeder Wald hält den Reiz des Schauens lange aufrecht. Muss man diesen hier gesehen haben? Nein, muss man nicht. Dafür gibt es interessantere Regionen.

Die Landschaft ist wie gesiegelt von Kruzifixen; wo sie nicht stehen, ist nicht menschengestaltete Flur, sondern das Land der Füchse, der Wildnis, sofern dieses Wort hier überhaupt noch irgendeine Bedeutung hat. Manchmal ist das Wegkreuz zu wenig, dann strukturiert eine Kapelle den Horizont vor dem nächsten Waldsaum. Die winzige Bruckhofkapelle am Grundstück „Mördergässle“ ist kaum mehr als eine überdachte, offene Nische, ein Kniebrett fürs Gebet vor dem vergitterten Votivrelief, links und rechts geben Tafeln Erläuterungen. Gestiftet wurde die Kapelle für zwei Schwestern, die ins Kloster gingen und beide noch in jungen Jahren an einer Lungenkrankheit siechten. Das Leben von Maria Xaveria und Maria Nepomuciama, so die Ordensnamen der Frauen, rettete die fromme Stiftung nicht. Vielleicht, das mag von vornherein kalkuliert worden sein, wenigstens ihr Seelenheil.

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Schwung

Kurz hinter der keltischen Viereckschanze aus der La-Tène-Zeit – „vermutlich ein Kultplatz“, wie alles, was nicht gleich zuordenbar ist, gerne mal kultisch ist – liegt Bondorf ausgestreckt, lauschig und sehr verschlafen. Das Mädchen, das aus einem Haus tritt, weicht meinem zum Gruß bereiten Blick aus, die Katze rennt davon, der Bauer bleibt auf mein „Grüß Gott“ hin stumm. Das schöne Dorf mit seiner Bilderbuchkulisse – rätselhaft hängt das Schild einer Buchhandlung in Frakturschrift über einer Holztür mit einem aufgenagelten Schweinchen – wächst am Rand, zur Ebene gen Bad Saulgau hin, und verliert hier seinen ganzen Charme.

Es ist drückend heiß, über Kopf und Schultern habe ich meinen syrischen Schal – ein wirklicher Allzweckgegenstand – gebreitet und ich mache an einem schattigen Wegkreuz nochmals eine Rast für ein paar Schluck Wasser und einen Blick auf die Karte, obwohl die Silhouette von Bad Saulgau schon zum Greifen vor mir liegt. „Das tat ich für dich! Was tust du für mich?“, mahnt die Inschrift unter dem Gekreuzigten. Ja, das können sie gut, die Pfaffen und die ‚Bigotten‘, wie mein Großvater sie genannt hätte – den emotionalen Druck hochhalten! Und wie mir sofort alles wieder zuwider ist: die harten Kniebänke in den Kirchen, auf die sich die Kinder im Gottesdienst niederzulassen hatten, das Niederknien beim Betreten der Kirche und dem Kreuzeszeichen vor dem freudlosen Gesicht, überhaupt diese Leidensgesichter, nein, Freude war nicht gewollt, die derbe Lebensfreude feierte man außerhalb der Kirche, in ihr aber griesgrämige Gesichter, neidische Mienen, strafende Blicke, brüchiger Altweibergesang, salbungsvolles Schwadronieren, aber Lust und Freude, nein, nicht unter dem Zeichen des Gekreuzigten, und dann die Beichte, oh mein Gott, was für ein Unsinn, wenn Heranwachsende dazu verdammt werden, mit gebeugtem Haupt etwas gestehen zu müssen, leiden zu müssen für eine Schuld, obwohl es da vielleicht gar nichts gibt, wofür Schuld zu tragen gerechtfertigt wäre, welche Sünden denn, und überhaupt das Wort Sünde, da kommt es mir schon hoch, immerzu nur Schuld, Schuld, Schuld!

Grimmig setze ich mich auf die Bank auf der anderen Seite des Baumes, der das Kreuz beschirmt. Wer auch immer diesen Platz beehrt hat, er kümmerte sich nicht um feinere Dinge. Die Bank ist mutwillig beschädigt, verschmutzte Taschentücher liegen herum, Blätter von Maiskolben sind ringsum verstreut. Rebellion gegen diese Kultur der Schuld oder schlichte Ignoranz?

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Fortführung des Barock mit anderen Mitteln?

Im Städtchen Bad Saulgau treffen sich die Oberschwäbische Barockstraße, die Deutsche Fachwerkstraße und die Schwäbische Bäderstraße. Um diese Kulturgüter zu würdigen, müsste ich länger verweilen, und wohl nicht zuletzt deshalb schlägt der Hauptwanderweg 7 den Ort als Etappenziel vor. Ich werde nur eine Rast machen und dann weiterziehen, denn es ist erst Mittagszeit und mir würde es langweilig werden den restlichen Tag, Kultur hin oder her. An der Straßenkreuzung zur Innenstadt – die Ampelmännchen sind aus Ostdeutschland aufgekauft – verkündet eine Steinstele stolz, dass Bad Saulgau 1299-1806 österreichisch war. Die Stadt gehörte zum Bund der fünf „Donaustädte“ (die keineswegs alle an der Donau lagen), die zusammen mit einigen weiteren oberschwäbischen Ortschaften über Jahrhunderte einen Teil Vorderösterreichs bildeten. Damit waren diese Städte sehr viel länger Teil Österreichs als sie seither württembergisch sind.

Ich bin unentschlossen, an welcher Gaststätte ich Mittagspause mache, kehre schlussendlich zur ersten zurück und ärgere mich sofort über die Wahl. Ich sitze nämlich noch nicht einmal, schon steht die Kellnerin neben mir und will, wenn nicht gleich das Essen, so doch wenigstens die Getränkebestellung aufnehmen. Ich lasse mich ungern drängen, erst recht nicht, weil ich immer gerne schaue, ob ein Gasthaus ein besonderes Getränk auf der Karte führt, mich zu überraschen weiß. Leider bin ich nicht geistesgegenwärtig genug, mir freundlich und bestimmt mein Recht (und also eine Atempause) zu verschaffen und so geht nach einem eher umständlichen, fast gereizten Austausch, den ich so nie beabsichtigt hatte (denn ich will ja kein schwieriger Gast sein), die resolute Frau mit meiner Getränkebestellung hinfort.

Das Bier, nein, es hat nicht geschmeckt und ich verlasse Österreich wieder gen Südwesten.

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Unter dem Himmel Oberschwabens

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21 Gedanken zu „„Das tat ich für dich!“ – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 2)

  1. Oh ja, erinnere mich nur allzu gut an den emotionalen Druck, mit dem diese Pfaffen und Bigotten kleine Kinder in die schlimmsten Schuld- und Sündengefühle hineinquatschten. Da kriege ich direkt auch das Kotzen, wenn ich daran zurückdenke, wie ich im düsteren Beichtstuhl irgendwelche Dinge gestand, deren bloße Bedeutung mir im Grunde völlig unklar war, nur um sicherzugehen, dass man vor dem lieben Gott auch nur ja nichts noch so Unscheinbares verbärge. Ein Verbrechen ist das, ich sollte wirklich mal langsam austreten aus diesem schwachsinnigen Verein.

  2. Reisen erweitert ganz ungeheuer unser Nichtdaheimbleibgewese…
    Trug die übereifrige Kellnerin ein turtelighübsches Frankendirndl?
    Mittlerweile schätze ich die bildhafte Wanderberichtserstattung hier!

  3. (Ich hadere nicht mit der Kirche, die, in der ich großgeworden bin, war freundlich-nachsichtig und weltoffen im besten Sinne. An Ihren Reaktionen sehe ich einmal mehr: Kirche trägt das Gesicht derer, die sie machen.) Jedenfalls: mit Ihnen würde ich glatt gern mal ein Stück gehen — ich würde Ihnen beim Langweilen zuschauen wollen; das kriege ich nämlich nicht hin.

    • Schön, wenn Sie Kirche anders erlebt haben! – Sie müssten sich wohl unsichtbar machen, wollten Sie mich beim Langeweilen beobachten, so stelle ich mir das vor. Oder striktes Schweigen zumindest, wie Herr Ärmel einmal für einen gemeinsamen Beobachterstadtspaziergang vorgeschlagen hat (wir haben es noch nicht ausprobiert, wie sich die Umsetzung macht). Gute Wege!

      • Sie müssten sich wohl unsichtbar machen, wollten Sie mich beim Langeweilen beobachten — ich denke jetzt, nicht allzu gründlich, darüber nach, ob „du siehst unterhaltsam aus“ ein Kompliment wäre oder eher nicht. (Bitte nicht aufklären.)

      • Na so was: Sie bringen mich erst in Verlegenheit und verweigern mir anschließend eine Erklärung – aber zugegeben, daran bin ich wohl selbst schuld …

  4. Abermals ein beeindruckender Reisebericht. Und Ihre Fotografien passen trefflich dazu.
    Wie lakritze bereits schrieb: beim Langweilen würde ich Ihnen gerne auch zuschauen. Auch mir gelang das bisher noch nicht.

    Im Mittelalter gabe es einen jahrhundertelangen Streit darüber ob Christen lachen dürften oder nicht. Die beiden Positionen bezogen sich auf das AT und das NT. (Wenn man die schon miteinander vergleicht.

    Ich hatte als Kind und Jugendlicher durchweg positive Erfahrungen mit der Kirche. Ausgetreten bin ich trotzdem. Und keinesfalls um die Kirchensteuer einzusparen. Dennoch besuche ich noch heute gerne Kirchen.
    Wenn, wie am vergangenen Wochenende im Burgund, der kleinwüchsige Priester mich auffordert, den Hut abzunehmen, vergebe ich ihm, dass er sich im NT nicht auskennt. Er ist unterm Frauenkleidchen eben auch nur ein Mensch.

    Abendlichwohlgemute Grüsse aus dem leuchtenden Bembelland

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