Epaieio

Morgens geht es als Erstes aufs Arbeitsamt. (Und wir sagen immer noch „Arbeitsamt“ und nicht „Agentur für Arbeit“, auch städtische Angestellte höre ich „Arbeitsamt“ sagen.) Nicht für mich, zum Glück, sondern um einem arbeitsuchenden Afrikaner bei Bewerbungsschreiben zur Seite zu stehen.

A. trägt einen frommen Namen und sein Gesicht hat etwas, das ich als maurische Einflüsse bezeichnen würde. Er stammt aus einem Land im Westen Afrikas und lebt seit einigen Jahren in Spanien, das ihm eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt hat. Mich würde nicht wundern, wenn einer seiner Ahnen vor 1000 Jahren schon dort gelebt haben sollte, unter den Umayyaden vielleicht oder über die Transsahararouten der Almoraviden, deren Macht sich vom Niger bis zum Ebro in Katalonien erstreckte. Manche Dinge wiederholen sich.

A. ist eine sehr ruhige Erscheinung, nicht verschüchtert noch misstrauisch, nur gelassen. Die Initiative liegt bei mir (lieber ruft er direkt bei potentiellen Arbeitgebern an, in einem ihm fremden Land, als einen Brief aufzusetzen; mutig, finde ich). Ich stelle ihm Fragen, tippe Sätze ein, erkläre sie. Dann geht es darum, in dem Anschreiben zu vermitteln, warum A. sich ausgerechnet bei dieser und jener Firma bewirbt – um die Identifikation, das Committment (zumindest in einem ganz knappen Satz, denn zugegeben, es sind Jobs, die die meisten von uns nicht haben wollten). Ich versuche ihm mein Anliegen verständlich zu machen. A. kann Deutsch, nicht sehr gut, aber gut genug, um einer Unterhaltung zu folgen. Er begreift sofort, worauf ich mit Worten und Gesten hinauswill: „Ich verstehe. Mitten ins Herz und bumm!“ Er lacht und ich lache mit ihm.

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Sommer ist es nicht mehr, aber die Menschen sitzen noch draußen in der Dämmerung, vor dem Loretta und dem Arigato, dem Kaiserbau und dem Condesa. Das tut’s schon noch, das geht schon noch zusammen, diese Lust nach dem Straßencaféleben und die Herbstkühle, jener Luftzug am sonnenverwöhnten Nacken, der die Daseinsberechtigung von Schals plötzlich wieder in den Bereich des Vorstellbaren rückt. Nur die Palette voller Spekulatius im Supermarkt irritiert.

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Heute lese ich im Branchenblättchen, dass die beiden meistverkauften Buchtitel Brasiliens im letzten Jahr von einem katholischen Prediger und einem Pfingstkirchler stammen. Das verstört mich. Und ich ziehe – auf der Suche nach einem Dankeschön für die Schönschrifturlaubspost meiner Nichte – vielleicht nicht aus Zufall aus der Vorratsschachtel eine Karte mit einer brasilianischen Orixá: Oyá, der kriegerischen, aber wohlwollenden Göttin der Stürme und (in ihrer afrikanischen Heimat) Herrin des Flusses Niger. Epa hei Oyá!

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