Das Schweigen der Bahnen

Diese Stille in der Stadtbahn hinaus in die Vororte. Der Großteil der Plätze ist belegt an diesem frühen Freitagabend, aber keiner sagt ein Wort. Vielleicht 20 Menschen habe ich im Blickfeld – sie schweigen. Es dauert Minuten, bis ein Kind die Wortlosigkeit der U-Bahn durchbricht. Und erst als es zu heulen beginnt, wird die Situation in dem Wagen menschlich. Aber halt, da ist die Familie bereits ausgestiegen und stumm geht es wieder weiter.

*

An einem der vielen Streiktage hörte ich zum ersten Mal die Vögel am Hauptbahnhof. Ich hatte Glück, dass mein gebuchter ICE zu jenen Zügen gehörte, die trotz Streik fuhren. Der Bahnhof lag beinahe verlassen da. Die paar Menschen wirkten wie versehentlich vor Ort. Sie standen – die Sonne schien, aber der Wind war schneidend – am Rand des Bahnsteigs in einem schmalen Streifen Licht. Wie aufgereiht standen sie, die Absätze an der Kante, das Gesicht dem Gestirn zugewandt, dankbar für ein bisschen Wärme. Irgendwo seufzte eine Lokomotive. Nichts aber war so laut wie das Pfeifen der Vögel.

*

Wir nahmen den letzten Zug aus der beschaulichen Neckarstadt zurück nach Stuttgart. Mein arabischer Freund M. – wir kannten uns aus meiner Studienzeit im Nahen Osten – war zu Besuch und wir hatten einen sehr heiteren Abend auf der Terrasse von Freunden verbracht. In der nächtlichen Bummelbahn wandte sich unser Gespräch einem weniger freundlichen Thema zu: dem Mukhabarat, den berüchtigten syrischen Geheimdiensten. Auch ich als Ausländer war damals von dem allgegenwärtigen Misstrauen angesteckt worden – Paranoia und Schweigen als Grundzüge einer Gesellschaft. Ich berichtete M. davon, wie ich bei meinem letzten Syrienaufenthalt, im Frühjahr 2011 (als in einem Städtchen ganz im Süden des Landes eben die ersten Toten des kommenden Bürgerkrieges zu beklagen waren), an den Geheimdienst geraten war. Passiert war mir – einem Touristen, einem Deutschen – natürlich nichts. Aber in jenen Stunden der unverhüllten Bespitzelung, der Isolierung, Befragung und unausgesprochenen Einschüchterung hatte ich Ängste ausgestanden, die ich aus einem Leben in der Bundesrepublik nicht kannte. Dann erzählte M. mir Geschichten, von eigenen Erfahrungen mit dem Mukhabarat, von erschreckenderen aus zweiter oder dritter Hand. Dann mussten wir umsteigen. Am Bahnsteig taxierten uns Uniformierte. Sie verdächtigten offenbar uns, für eine frische Urinlache vor dem Fahrplanaushang verantwortlich zu sein. Unser Anschluss kam und befreite uns von den Blicken. In dem Nachtzug arbeiteten wir uns Waggon für Waggon an die Spitze vor, um im Kopfbahnhof dann schneller am Ausgang zu sein, vorbei an Schlafenden, an unruhig Schlummernden, an ins Leere starrenden Menschen, während hinter den Scheiben eine verdunkelte Landschaft vorbeirauschte. Alles war ruhig, nur die Wagen rumpelten laut und rhythmisch über die Schwellen. Wir waren wie aus Zeit und Raum enthoben, es hätte eine Szenerie aus einem altmodischen Spionagefilm sein können. Unser Weg durch den langen, viel zu langen Zug bekam etwas Gehetztes, als würde uns jemand folgen. Ich erinnere mich, wie meine Augen unruhig nach links und rechts huschten, über die Gesichter hinweg, über die Türen zu den Liegeabteils. Mein Atem war flach und ich war froh, als wir in Stuttgart auf den Bahnsteig traten. In Sicherheit waren. Wer es als Erster von uns aussprach, weiß ich nicht mehr. „Stell dir vor, ich hatte ein komisches Gefühl vorhin. Ich hatte Angst. Vor dem Mukhabarat.“ Die Erleichterung des anderen war offensichtlich. „Ich auch! Mir ging es genauso. Wie merkwürdig. Da sind wir so weit weg von Syrien und trotzdem hat uns die Angst bis hierher verfolgt.“

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16 Gedanken zu „Das Schweigen der Bahnen

  1. Lieber Zeilentiger,
    ein sehr bedrückender Bericht diesmal – aber leider weiss man ja tatsächlich nicht, wie weit diese ‚Dienste‘ einen verfolgen. Zumindest der Freund hatte möglicherweise nicht ganz unberechtigte Ängste.
    Ansonsten ein sehr schöner Bericht übers Reisen in stillen Zügen – seltsame Doppeldeutigkeit an dieser Stelle, fällt mir da gerade auf…
    Und das Pfeifen und Singen der Vögel am Hbf Stuttgat zu hören muss doch immerhin etwas ganz besonderes sein.
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Danke sehr, lieber Kai, für deinen Kommentar! In diesem Fall war ganz gewiss nur unsere überreizte Fantasie, aber du hast recht, dass die Arme der ‚Dienste‘ weit reichen. Und oh ja, die Vögel am Hauptbahnhof zu hören, war wirklich etwas Besonderes.
      Herzliche Grüße
      Holger

  2. Eigene Erinnerungen, wie etwas ganz plötzlich ins Leben kriechen kann. Die Fragen nach real, eingebildet, durch Medien produziert, …?!
    Sehr eindrücklich geschrieben.

  3. Weit und breit keine Paranoia!
    Ich weiß, es ist naiv gefragt: Warum gibt es das überhaupt, dass Menschen andere Menschen böse behandeln…

  4. Mein syrischer Freund saß letzten Sommer auf meiner sonnendurchfluteten Terrasse, wir tranken Minztee und er erzählte leisstimmig von seinen Ängsten. Wir mußten aufstehen und ein Stück über die heißen Feldwege gehen, so kalt erschien es uns plötzlich anzuhauchen. Angst ist ein Mitschleichgefühl und ein Selbstteiler, deucht es mich und das haben Sie eindrücklich beschrieben.

    Ein Teil seiner Familie ist noch immer da, doch nach und nach holt er alle raus. Jedes Familienmitglied mehr hier in Sicherheit zu wissen, scheint seine Angst ein wenig zu mindern. Die Erinnerungen werden jedoch bleiben.

    Liebe, hoffnungsvolle Grüße, Ihre Frau Knobloch, regenfroh.

    • Sie beschreiben das sehr eindringlich! (Wie Sie ja immer tief empfinden.) Danke für diesen Einblick und Eindruck. Ich bin froh, dass Sie trotzdem hoffnungsvoll sind. Und Ihrem syrischen Freund und den Seinen wünsche ich nur alles Gute.
      Sehr herzliche Grüße, Ihr Zeilentigerschreiber

  5. Sehr beeindruckend beschrieben Szenen, lieber Zeilentiger. Atmosphärisch so dicht, dass sie nahe kommen. Sehr nahe, fast zu nahe die letzte Skizze.
    Pfingstrosige Grüsse aus dem stillen Bembelland

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