Überlegungen bei der Durchquerung des Vorlandes

Der Himmel ist blau, notiert er, auf den Wiesen geilt der Löwenzahn, die weißbemäntelten Berge rücken näher. Heute Nacht hatte er noch nach einem Theaterstück in einer Küche der Maxvorstadt Rotwein getrunken und gelacht, jetzt trägt ihn der Zug durch das geschwungene Land der Höhe entgegen. Was für eine Sehnsucht, welche Ergriffenheit der Anblick der Alpen auslöst, das ist eigentlich nicht recht vorstellbar, wenn er daran zurückdenkt, wie wenig – wie verächtlich wenig – ihm dieser in Kindheit und Jugend alltägliche Blick bedeutet hatte. Aber natürlich, damals war er in Abwehr gegenüber allem gewesen. Er kann sich das gar nicht mehr vorstellen, dieses Leben damals, diese Haltung, die natürlich auch viel verbaut hat. Jetzt hat er die Berge vor Augen und denkt sich, hier muss er wieder her, irgendwo in diesem Alpenvorland leben. Ist das schon Altern?, fragt er. Die Landschaft, sie leuchtet.

*

Ich stehe vor einem Bücherregal Thomas Mann. Das nächste hat ausschließlich Goethe. So geht es über mehrere Räume, mehrere Fluchten, mehrere Stockwerke weiter. Man wird ganz still in dieser Wohnung. Bis einen das herzliche Lachen der Bewohner wieder aus seiner ehrfürchtigen Scheu reißt.

*

„Wo sind sie denn, deine Berge“, spottet sie, als der Vorhang vor den Alpen schon wieder zugezogen ist. „Ich glaube, die gibt es gar nicht.“

Alpen_Alpenblick

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15 Gedanken zu „Überlegungen bei der Durchquerung des Vorlandes

  1. Alpenvorland und Abwehrhaltung gegen alles – das fasst auch meine Kindheit und Jugend ziemlich prägnant zusammen. Sehnsucht nach den Bergen, die mir damals alltäglich und also nichts besonderes waren, habe ich auch zuweilen, aber wieder dort leben, dafür fühle ich mich dann doch noch zu jung. Und erst der ewige Regen, wenn die Wolken sich wieder mal im ersten Gebirgszug verhaken, oh mei…

    • Ja, wenn es sich einregnet, dann (spätestens) kommen die Fluchtgedanken. Und das ‚Alter‘ ist sicher situativ veränderbar. Ich würde ebenjetzt auch nicht zurück wollen.

  2. PS: eine fein gezirkelte, schriftliche Annäherung an dein Ursprungsland, die herrlichen Nordalpen und das evtl doch irgendwann mal am Horizont aufkreuzende Alter…

  3. Diese Sturmdrängerische Abwehrhaltung kann ich gut verstehen. Und manchmal muss man sich den Herkunftsgegenden recht weit entfernen, dass sich Denkverhärtungen erweichen und auflösen lassen.
    In Südamerika erst entdeckte ich die unzähligen Vorzüge dieses Landes, meines Bundeslandes, der Gegend, in der ich Kind und Jugendlicher gewesen bin…
    Morgendlichdiesiggraudochfreundliche Grüsse aus dem zwischenstationären Bayernlande

  4. Ich schrub es eben dem hochwertgeschätzten Herrn Ärmel, mein Kindsehnsuchtsbergblick galt dem fernen Riesengebirge, welches nur bei Klarwetterlage schneebedeckt grüßte. Der erste Alpenannäherungsblick, ich glaube, er überforderte mich heillos. Zwei ostdeutsche Gören zwischen gelangweilten Rentnern im Reisebus gen Südtirol… Auslösesteinchen einer Aufbruchslawine…

    Ach, in leuchtenden Landschaften leben zu wollen hat gewiss nicht mit dem Alter zu tun, mein lieber Herr Zeilentiger, eher mit den Feinwahrnehmung, die sich immer sicherer manifestiert. Aber nur bei einem, dem sie gegeben!
    Herzliche Sonntagsgrüße, Ihre Frau Knobloch, gartenglücklichmüde.

    • Liebe Frau Knobloch, den Klarwetterblick aufs Riesengebirge stelle ich mir auch schön vor. Und schauen Sie, für den offenen Blick auf die Alpen habe ich auch bis zur Lebensmitte gebraucht – vorher eher Fluchtgedanken. 😉 Herzliche Grüße beim Kesselcortado

    • Liebe Frau Knobloch, endlich will ich Ihnen einmal für Ihren Kommentar danken. Das Riesengebirge bei Klarwetterblick klingt aber auch sehr gut. Dass die Alpen Sie das erste Mal überfordert haben, wundert mich nicht. Dass ich meine Liebe zu ihnen fand, musste ich auch erst ein paar Jährchen ansammeln. Lange waren sie mir als Kulisse mehr als genug.
      Herzliche Grüße aus der Kesselstadt

      • Ach, Sie wie ich wissen doch um die umkrawummende Wucht der ansammelnden Liebe, mein lieber Zeilentiger. Und nicht nur wir, mich deucht, es gäbe etliche mehr.
        Zartkraftsendende Grüße, die Ihre aus dem lieblichen Lipperlandien, welches langsam nach Regensegen dürstet.

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