Schweifen. Ein Osterspaziergang

Die Ausrede ist schnell gefunden. Am Vorabend war ich schwungvoll in die dunkle Küche und gegen die offene Backofenklappe gerauscht. Weil ich morgens noch ein sachtes Ziehen im Schienbein spüre, entscheide ich mich gegen den strammen Marsch am Limes entlang und für eine kürzere Wanderung. Der größte Vorteil daran ist, sich noch einmal im Bett umdrehen zu dürfen. Der Weg wird schon geduldig warten.

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Hinter Schorndorf dann endlich so etwas wie Landschaft. Bis dahin ist das Remstal – obgleich zwischen Weinhängen und bewaldeten Höhen – zersiedeltes Vorland. In Schorndorf bleibt die S-Bahn zurück, der Regionalexpress fährt tiefer in das Tal, der Ostalb entgegen. In Lorch (nicht zu verwechseln mit dem Ort im Rheingau) wird schließlich das Ränzlein umgehängt. Hier stand einst das südlichste Kastell des Obergermanischen Limes. Der Ort war damit die Spitze des „Limesknies“, denn ostwärts schloss sich der Raetische Limes an. Mein ursprünglicher Plan hätte mich nach Norden geführt, am Kloster Lorch mit der Grablege der Staufer vorbei, und längs des antiken Schutzwalls gegen das freie Germanien, heute ein 550 Kilometer langer Wanderweg durch vier Bundesländer hindurch. Das einmal an einem Stück zu gehen … Aber ich wende mich nach Süden. Hier beginnt der Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg, wer ihn zu Ende geht, steht am Ufer des Bodensees. Es ist ruhig zwischen den dörflichen Häusern, als ich zum Wald hochsteige. Ein Mensch tritt auf die Straße und grüßt.

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Eine gottverlassene Bushaltestelle irgendwo auf einem grünen Hügel, an der Holzwand der Haltestelle ein Konzertplakat von Def Leppard, als wäre seit den 80ern nichts pasiert. Willkommen auf dem Land. Fühlt sich nach Kindheit an.

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Über dem nackten Acker singen Lerchen, in der Siedlung hingegen übertrumpfen Spatzen alle Menschengeräusche. Kein einziges Kraftfahrzeug ist an diesem Feiertag zu hören. Zwischen schmucken alten Häusern stehen neue, sie stören nicht, denn der Ort ist zu klein für die Kolonien öder, gleichförmiger Einfamilienhäuser, die in ihrer Sauberkeit so bedrückend sein können. Der Geruch von Silo liegt in der Luft, Strohballen stapeln sich unter dem Vordach. Es ist noch ein echtes, richtiges Dorf. Auf der anderen Seite dann das Erwachen: ein weiter Golfplatz, der sich links und rechts bis zum Saum des Schurwalds erstreckt.

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An der Kurve steht eine Eiche im Würgegriff des Efeus, dahinter öffnet sich der Blick auf das Paradies. Eine langgestreckte Pferdekoppel mit krummen Apfelbäumen, Gutsgebäude mit Fachwerk, eine Kapelle an der einzigen Kreuzung, gegenüber der Dorfteich mit Bänkchen unterm Baum. Ein Hahn kräht, sonst nur das Tschilpen und Zwitschern der Singvögel. Nur ein Flugzeug, noch im Steigflug vom Stuttgarter Flughafen, stört den himmlischen Frieden.

Schurwald_Wanderung

Der kühle Grund ist gar nicht so kühl. Es rauscht in den Bächen, hier und dort. Das Wasser ist nicht klar, sondern hat einen milchigen Stich. Feucht ist es: Jeder, ausnahmslos jeder Stamm trägt hohe Stulpen aus Moos. Baumstümpfe sind völlig überwuchert, das Wurzelwerk zu haarigen Spinnenbeinen ausgespreizt. Auch manches laublose Gebüsch ist dem Moos erlegen, bis oben hin wie von einem Geschwür bedeckt, nur die höchsten Spitzen ringen noch um Licht und Luft.

Hohenstaufen_Schwäbische Alb

Es gibt ja so Dinge im Leben. Da hatte ich an einer ehrwürdigen schwäbischen Universität (gibt es da mehrere?) Mittelalterliche Geschichte studiert und war noch nie hier auf dem Hausberg des Staufergeschlechts. Der Rundumblick von Hohenstaufen ist phänomenal, die Luft nur zu diesig für ein gutes Foto. Um 1070 hatte der Großvater von Friedrich Barbarossa hier seine Burg errichtet. 1208 fand in ihren Mauern eine griechische Prinzessin einen traurigen Tod. Irene war nach der Ermordung ihres Mannes Philipp von Schwaben, römisch-deutscher König, schwanger nach Hohenstaufen geflohen und starb im Kindbett. „Wo ist denn die Ruine?“, fragt ein Junge mitten zwischen den Mauern.

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Am Eingang des nächsten Waldflurs ein Verbotsschild. „Landwirtschaftlicher Verkehr und Wochenendsgrundstückszufahrt frei“. Was für ein Wort.

Filstal_Bärlauch_Wanderung

Nicht „Ein Männlein stand im Walde“, sondern zwei, drei, vier Menschen stehen zwischen den Buchen in einem grünen Meer. Es ist Bärlauchzeit, der Geruch tränkt den ganzen Hang. Tiefer dann undurchdringliche, reglose Tümpel am Wegesrand. Es sind unheimliche Orte. Ganz anders dann das Haflingergespann, das klingend, klappernd, knarzend entgegenkommt, im Schlepptau der Kutsche ein goldfarbener Hund. Gibt es da nicht ein Buch „Die Deutschen und ihr Wald. Eine Liebesbeziehung“? Aber nein, ich glaube, den Untertitel dichte ich hinzu.

Wald_Wandern_Filstal

Anstrengend immer der abschließende Trott über Asphalt, um den nächsten Bahnhof oder das sonstige Ziel zu erreichen. Alles was ich von dem Städtchen im Filstal sehe, ist reizlos, vom Friedhof vielleicht abgesehen. Wie deprimierend eine Fußgängerzone, architektonisch sowieso bar aller Ästhetik, an einem fast menschenleeren Feiertag sein kann. Ein Schmunzeln, wenn schon keine heißere Regung, entlockt wenigstens das Schild „Erotiklädle“. Der Bahnhof schließlich eine Brache. Er ist das einzig Gute hier, sagte aber jemand, denn dort kommst du weg.

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Später lese ich, die Beine hochgelegt, von Matussek einen der schlechtesten Zeitungsartikel, der mir je untergekommen ist, eine heruntergerotzte, dumme Provokation, die die Zeit nicht wert ist, die es gebraucht hat, sie in die Tasten zu hauen. Lieber schließe ich die Augen und spüre der Sonne auf meinem Gesicht nach und träume von Wald und Wiese oder noch besser von Heideland und Savanne. Wie erfüllend ein Tag sein kann, an dem man kaum etwas anderes macht als durch eine Landschaft zu wandern. Als wäre das unsere ureigentliche Bestimmung.

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28 Gedanken zu „Schweifen. Ein Osterspaziergang

  1. Matussek und Hohenstaufen – zwei Reizworte für mich in einem Beitrag, der dennoch wunderbar zu lesen war 🙂
    Den Hohenstaufen musste ich in meiner Kindheit mindestens zweimal jährlich anschauen – Elternsonntag und Schulausflug 🙂
    Dir auch ein schönes Osterwochenende (PS: Wenigstens konntest Du trotz Schienbein raus, hier gießt es schon wieder in Kannen).
    LG Birgit

    • Da bin aber glücklich, dass du trotz zweier Reizworte dabei geblieben bist, liebe Birgit. Mit einer solchen Vorgeschichte hätte ich den Hohenstaufen wohl unterschlagen in meinem kleinen Bericht, aber ich war tatsächlich das erste Mal dort und noch entsprechend beeindruckt. 🙂 Gestern hat es hier übrigens auch geschüttet. Ich hoffe, der Himmel zeigt sich inzwischen auch bei euch wieder blau. Schöne Feiertage und herzliche Grüße! Holger

  2. Oh, 550 Kilometer –! Und Aussicht. Und überhaupt liest sich das, als müsse ich dringend mal neue Wanderreviere erschließen. Ganz wunderbar!

  3. Den Matussek habe ich mir trotz Neugierlink erspart und bin Ihnen nochmals langsam hinterher gelaufen.
    Eine schöne Wanderung. Schweifen – ein schönes Wort. Den Blick schweifen lassen.
    Und pirschen. Gehen, stehen bleiben, sich umdrehen und den Blick schweifen lassen. Eins werden mit der Umgebung, das ist pirschen.
    Das Gehen ist unsere natürlichste Fortbewegungsart.

    Mir ist merkwürdig, und Sie wissen, dass ich zeitgleich in einer anderen Landschaft unterwegs gewesen bin, wie sich ein Gleichgewicht wie von selbst einstellt zwischen unserem Denken und Fühlen beim Gehen über Strecken.
    Wie unsere Wahrnehmungsorgane in der sich einstellenden Balance gleichsam erwachen.

    Ich habe viel an den Mann im Eis gedacht und an sein Eingewobensein in die Umgebung und wie viel uns davon verloren gegangen ist.
    Ich war dennoch glücklich über meine Verbundenheit mit der mich umgebenden Natur.
    Das Gehen ist unsere natürlichste Fortbewegungsart.

    „Ich denke, dass vieles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.“ Dieser Satz stammt von Johann Gottfried Seume. Der Ist von Grimma (bei Leipzig) nach Syrakus auf Sizilien gegangen und hat auf seinem Rückweg einen Abstecher über Paris gemacht. Sechstausend Kilometer von denen er knapp fünftausend in einem Dreivierteljahr zu Fuss zurückgelegt hat.

    Abendschönösterliche Grüsse aus dem Bembelland

    • „Das Gehen ist unsere natürlichste Fortbewegungsart.“ Ja, ein treffender Satz. Ich vergesse das selbst immer wieder und muss es für mich jedesmal neu entdecken. Aber diese Entdeckung lohnt sich dann. Seume erwähnen Sie gerne, sicher wäre es ein Gewinn für mich, ihn zu lesen.

      Ostermorgendliche Grüße aus dem Kessel

      • Ich spreche zu dem Historiker: Der Spaziergang nach Syrakus ist eine Lektüre wert. Für Menschen, die gerne gehen. Ich habe das Buch studiert, auch schon darüber gearbeitet. Ich habe noch immer den Plan, der Erste zu sein, der Seumes Route nachgeht.
        Mittlerweile treibts seltsame Blüten mit den Nachgehern. Einer fuhr mit dem Fahrrad, einer kam vom Nordkapp. Währendd er DDR Zeit träumte einer von diesem Spaziergang. Der abstruseste war der Winzer aus Nierstein, der mit seinem Traktor gefahren ist… (Das sind keine Witze, mein Herr Zeilentiger)

      • Spannend, spannend, Herr Ärmel! Da werde ich nicht drumherum kommen. Um die Lektüre, die Wanderung will ich erst einmal Ihnen überlassen … 🙂

      • Gnaz ehrlich, ich habe mittlerweile ein kleines Archiv zu dieser Fussreise. Ich bin seit fast zwanzig Jahren dran….
        Wenn Sie also irgendwie den Drang verspüren sollten…. Mit Material zur Vorbereitung und Planung kann ich Sie gerne versorgen.
        Nachtatörtliche Grüsse aus dem montagabendlichen Bembelland

  4. Lieber Holger, nachdem meine Muskeln von der eigenen Wandertour gestern noch „sprechen“, habe ich es sehr genossen, dir vom sonnigen Balkon aus auf deinem schönen Osterspaziergang zu folgen. Deinen Wunsch, weiter zu laufen und einen Weg (über Hunderte von Kilometern) „ganz“ zu gehen, kann ich sofort nachzuvollziehen. Muss wohl der Pilger in uns sein… 😉

    • Liebe Maren, ja, da spricht wohl eine ähnliche Stimme in uns, ob wir sie Pilger oder anderswie nennen wollen. Manchmal vergesse ich diese Freude am Gehen durch Landschaften. Gerade ist sie sehr wach und ich studiere Karten und Routen … Zumindest eine einwöchige Wanderung sollte da doch locker drin sein dieses Jahr.
      Dir gute Wege (und – Ausgleich muss sein – weiter viele Sonnenstunden auf dem Balkon)!

  5. Wie stets ein Pupillenmitbewegpralinchen der bonfortionösen Art, lieber Zeilentiger. Ist es der aufrechte Gang, der uns so innig unsere Fähigkeit zum Gehen spüren läßt? Achten sie mal auf die unterschiedlichen Mimiken der anderen Geher, die unbedingt ihre Fortbewegung anders benamsen: Jogger, Walker und dergleichen in Multifunktionswäsche bis zum Schlüppergummi und hochtechnisiert unterwegs. Angestrengt, schwitzend, mundwinkelverkniffen…
    Die echten Geher hingegen tragen Lachfältchen spazieren, flanieren auch wortgrüßend und imaginärhutlupfend. So sehe ich Sie. Genau wie den geschätzten Herrn Ärmel, nur mit Hut, versteht sich.

    Gleich wegtänzeln wir gen Senke, das hiesige Osterfeuer will begossen werden, von links grüßt der Hermann und Kilian gibt die Richtung an. Leichtfüßige Ostergrüße in den Kessel, Ihre Frau Knobloch, zugetan.

    • Liebe Frau Knobloch, Ihr Osterfeuer war gelungen, habe ich gelesen. Ich kenne diese Tradition ja gar nicht, mir ist da nur der „Funken“ zum Wintervertreiben vertraut.
      Schön, dass Sie mich so angenehm beim gehen gesehen haben. Aufrecht, da stimme ich Ihnen zu, und gewiss wortgrüßend. Sie kennen das ja noch aus Ihrer Zeit im Süden, ein kräftiges „Grüß Gott“ will da leicht über die Lippen. Nur in einem möchte ich schmunzelnd ein Fragezeichen setzen: Ob flanieren wirklich das ist, was ich auf einer Wanderung mache? Manchmal, doch, manchmal … Manchmal heißt es aber auch ausschreiten, die Pferde laufen lassen, die Freude am landgewinnenden Gang.

      Und wissen Sie was? Heute war ich zum ersten (!) Mal zu Fuß im Hohenlohischen unterwegs. Habe natürlich an Sie gedacht.

      Herzlichst, Ihr Zeilentiger

      • Müdspätäugig muß ich numeriertpräzisieren, lieber Zeilentiger:
        1. Jepp, Osterfeuer gelungen. Mein erstes nach dreizehn Jahren hier…
        2. Ich sehe Sie lockerfluffig von Wanderschritt auf Flaniergang wechselnd, wenn Ihnen ein Hutzug angemessen erscheint…
        3. Im Hohenlohischen? Wo? Woher? Wohin? Waldenburg? Kochertal? Am Limes entlang? Öhringen tangiert? Oder ebenig geblieben? Braunsbach gequert?

        Gedanklich nochmals unter der Kochertalbrücke kiffende Grüße, die Ihre, in Erinnerungen schwelgend.

      • Wo? Bei Forchtenberg. Und dort auf der Höhe im Kreis herum. Es war eine überschaubare Wanderung in einer fröhlichen Gruppe und kein weites Ausschreiten mit „Horsche und Gugge“, wie unser Herr Ärmel es nennen würde. Öhringen nur durchgefahren, aber das immerhin, nun weiß ich, wie die Heimatstadt von Stuttgarter Freunden aussieht. Und der Limes, nein, das kommt noch. Und dann – der Jagststeig. Seit zwei Jahren geplant, noch immer nicht gegangen.
        Ein schönes Bild übrigens, das Sie mir gemalt haben da unter der Brücke.
        Herzliche Grüße aus dem Süden

  6. Mit dem Fahrrad langsam durch die Weinberge, das passt.Durch Felder, Wälder, Wiesen allein gehen, ist mir unmöglich, weil….Da gibt es enorme Ängste mit der Überschrift „Nachkriegskind“- sämtliche Traumata von sich in der Einsamkeit versteckenden Großeltern, von bösen Menschen aufgespürt- über das Weitere schweige ich lieber an dieser Stelle. –
    Ihre Wanderungen, so famos geschildert, wie gern ich das gelesen habe!
    Flaniergruß von Sonja

    • Danke sehr! Wie traurig, wenn Ihnen Landschaften, die anderen eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit sind, schlimmer Erinnerungen wegen verschlossen sind. Das tut mir leid. Ich wünsche dafür umso mehr Radfahrten durch lichte Weinberge!

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