Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (7)

27. Abschied – Leben und Sterben heute

Die Feiertage sind vorüber. Ade, Weihnachten, es heißt Abschied nehmen, bis zum nächsten Jahr.

Und schon, kaum ist der fromme Gruß ausgesprochen, die Feierzeit entlassen, laufen die Katastrophenmeldungen ein. Der Großvater, Vater der Mutter dieses Mal, ist niedergestürzt und nun im Krankenhaus. Als hätte er sich eben noch durchs Weihnachtsfest schleppen wollen, geschafft und jetzt – gleichfalls Abschied nehmen. Wird es für ihn ein nächstes Jahr geben? Wasser in der Lunge, Schwäche, allgemeine Kraftlosigkeit werden erst einmal diagnostiziert. Doch halt, da wird noch ein Milzriss entdeckt, Unmengen von Blut in der Bauchhöhle, Notoperation, man hätte den Befund keine Stunde später stellen dürfen. Gerettet? Keinesweg; aus der Narkose wird ein Koma.

War es das?

Und haben wir da nicht noch einen Abschied? Die liebe Verwandte hat sich vor den Feiertagen von ihrem Freund getrennt und er taumelt nun im Trennungsschmerz durch die Tage und Nächte. So ist das für manche: Da offenbart man sich als Einzelgänger einem Menschen, vertraut ihm – und nur ihm – alles an, macht diesen Menschen zum besten Freund und zur Geliebten zugleich und dann so was. Die Nabelschnur gekappt, der Astronaut treibt plötzlich allein durch ein leeres, kaltes, dunkles Universum. Wieso den Abschied nicht gleich perfekt machen und sich in den Tod stürzen? Zwei Tage und Nächte also stützen ihn seine Verflossene und ihr Bruder, Betreuung rund um die Uhr, bis es ihnen langt: Genug ist genug, wenn du nicht leben willst, wird’s zu einem klinischen Fall. Und da haben wir also schon wieder das Krankenhaus und die Drohung von Tod.

Abschied, Abschied, Abschied.Die Erde dreht sich weiter. Und wir schweben immer noch in unseren Anzügen durch das All.

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21 Gedanken zu „Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (7)

  1. Scheint ja ein sehr durchwachsenes Weihnachten gewesen zu sein bei dir 😦 Aber wie immer toll geschrieben, der gesamte Zyklus. Da wird eine ganz spezielle Stimmung greifbar. Viele Grüße!

    • Danke dir für deine Rückmeldung! Ja, es mögen durchwachsene Weihnachten gewesen sein damals am Anfang des Jahrhunderts. Ganz ausschließen will ich aber nicht, dass hier zwei Weihnachten zusammengeworfen wurden, außerdem war eine bestimmte „durchwachsene“, spezielle Stimmung in dem Text auch erwünscht. Wenn sie greifbar wurde, freut mich das sehr. Herzliche Grüße!

  2. Das sind wahrlich keine Kleinigkeiten. Ist man nah dran, berühren sie. Berühren selbst mich, die weder sie noch diese Menschen kennt.
    Ihr Bild von trudelnden Menschen im All, vermittelt ein Gefühl der Verlorenheit, von ausgeliefert sein. Haltlosigkeit.
    Fast möchte man der Erde böse sein, dass sie so kalt und unbeeindruckt ihre Rotation fortsetzt.
    Doch stelle man sich vor, auch sie wolle nicht mehr.
    Dann werden Raumanzüge zu seltenen Erden. Jeder will sie haben. Gut, dass sie sich weiter dreht.

    Einen geruhsamen Abend wünscht,
    Silvia Meerbothe

    • Schön, dass dieses Weihnachten warm, hell und voller Freude war! Auch meines war in diesem Jahr besonders schön (und ganz anders als das in dem Zyklus beschriebene). Herzliche Grüße

  3. Ground Control to Major Zeilentiger – Sehr gut geschriebener Zyklus – für nächste Jahr weiterhin gebucht: Scharfblick, Herzlichkeit, Humor und guten Stil.
    To Major Zeilentiger: pls receive alltheverybest greetings from Bembelland Ground Control 😉

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