Sich erheben

Allgäuer Alpen_Geröllfeld

Sich erheben

 

 

 

 

 

 

Vom Unterland her drängt der Mais immer weiter in die grünen Hügel hinein. Einst war das Allgäu blau von seinem Flachsanbau. Nun weichen immer mehr Kuhweiden dem Energiemais, die Subventionspolitik macht es möglich. Wo das Grün noch der Milchwirtschaft vorbehalten ist, stehen Kühe braun hingesprenkelt auf den Wiesen, es ist die Jahreszeit, in der auch Vieh, das heutzutage nur noch selten unter dem freien Himmel grast, hinaus darf zwischen Oktoberlicht und Nebel. Auf anderen Feldern leuchtet hell der Schnitt, wo forsch noch einmal die Mahd eingeholt worden war.

Das Land ahnt den Herbst an diesem 3. Oktober. Birken zittern fiebriggelb, Buchen tunken ihre Fingerspitzen ins dunkle Rot, Ahorn und Haselnuss suchen zögernd noch nach ihren Farben. Die Eschen geben sich unbeeindruckt, doch die gefallenen grünen Blätter da hinten auf der Tenneneinfahrt entlarven auch sie.

Auf der buckeligen Wiese käuen Schumpen – das noch nicht milchreife Jungvieh –, ein Tier glotzt uns unerschrocken an, ein zweites muht fordernd vom Bach herauf und im Gras liegt ein totes Kalb, verdreht, wie eine achtlos hingeworfene Spielzeugpuppe, der weiße Bauch zum Himmel gewendet, die zarte Schnauze einen Spalt weit geöffnet.

Die Kuhglocken läuten hell, die Blätter rascheln, sirren, schwirren im Wind, nur das Nadelgehölz rauscht tief und unbeirrt.

Allgäuer Alpen_Gipfel

In der Höhe

 

 

 

 

 

 

In der Höhe grüßt man sich. Die Schicksalsgemeinschaft Berg verwirklicht sich nicht erst in der Wand, auf dem Gletscher, sie gilt schon auf Wanderwegen. „Hallo“, nicke ich. „Servus“, sagen viele und ich erschrecke, wie verhochdeutscht ich inzwischen bin. „Servus“, frohlocke ich also und sie antworten servus oder hallo oder hi (ein – ein einziges – Mädchen!) und wer gar nicht grüßt, ist ein Stoffel, ein Muhagel oder nein, ein Städter, ein preußischer womöglich. Und dann stutze ich. Sagt ein Hiesiger – die Tiroler auf dieser Seite des Berges, die Allgäuer auf der anderen – denn servus? Wer sind dann die, die hier alle servus sagen? Fremde in Bergtarnung? „Grias di“, werfe ich dem nächsten Wanderer zu, und ja, jetzt bin ich wirklich hier. Ich schreite aus über den Weg, zwischen Gras und Holz und Stein und Licht und Weite. Alles, was ich hier nicht brauche, fällt ab von mir. Es ist Mitte Oktober und es ist einer der glücklichsten Tage meines Jahres.

Weizen_Büble Bier

Rast mit Klassiker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ich schaffe es nicht“, spreche ich durch das Telefon. „Die Bahn streikt und ich habe keine Mitfahrgelegenheit mehr gefunden.“ „Macht nichts. Wenn das Wetter hält, kann man ja noch bis in den November in die Berge.“

Allgäuer Alpen_Karawane

Die Karawane windet sich den Berg empor

 

 

 

 

 

 

„Du, es schneit hier“, sagt die Stimme im Telefon.

Allgäuer Alpen_Bach

Bergwasser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt ist es Mitte November und die Hand, welche die Bürste zu den Zähnen hebt, hält bleierne Gewichte.

 

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16 Gedanken zu „Sich erheben

    • Das ist ein sehr lieber Kommentar, Maren, ich danke dir. Ja, der Schnee taut auch wieder und solange finden sich auch andere spannende Wege. Herzliche Grüße und pfiat di!

  1. Ich hoffe und wünsche, das Blei möge den Händen entwichen sein.
    Lieber Zeilentiger, ich bewundere Ihr fein gewebtes Silbenwortsatzgeflecht.
    So farbig, so stimmungsvoll – so voller Leben, Erleben.
    Herzlichkeit, tief aus dem Herzen empfundene Worte lassen sich am besten
    im Dialekt ausdrücken.
    In unsere kopflastigen Zeit geht der Dialekt verloren im Einheitsbrei einer
    sogenannten Hochsprache, die nichts anderes als ein herzloser Dialekt ist.

    Schreiben Sie bitte mehr und auch mit Fotografien illustriert, ich mag das sehr.

    Novemberdämmrighimmelaufreissende Grüsse aus dem herbstlichen Bembelland, Ihr Herr Ärmel

    • Ich schätze Ihre Worte, lieber Herr Ärmel, sehr. Ihre freundschaftliche Ermunterung und guten Wünsche. Ihre wohlwollende Aufnahme meiner Zeilen (ich hätte sie gerne noch besser, aber das nur nebenbei). Mit Ihrem Wunsch nach Bildern bringen Sie mich in Verlegenheit. Anders als Sie und viele andere Bloggerinnen und Blogger kann ich ja da nichts Gekonntes vorweisen, sondern drücke nur auf mein Smartphone und das war’s.
      Ihren Worten zum Dialekt kann ich beim besten Willen nicht widersprechen und gestehe doch, dass ich eine Schwäche für Hochsprachen habe. Manchmal klanglich (nehmen wir das Hocharabisch als ein Beispiel). Aber auch aus ganz pragmatischen Gründen. Da investiert man so viel Lebenszeit und Schweiß, um eine Fremdsprache zu sprechen – und dann versteht man trotzdem nichts.

      Meine besten Abendgrüße aus dem Kesselherz

      • “ …kann ich ja da nichts Gekonntes vorweisen, sondern drücke nur auf mein Smartphone und das war’s….“
        Ei wer sagt denn, dass das nciths gekonntes sei?
        Mir ist das Auge für Motivwahl und Blickwinkel viel wichtiger als ausgefeilte Aufnahmetechnik.
        Und die textliche Beschreibung macht alle eventuellen Mängel bei den Bildern mehr als wett. Also bitte keine durch den Vergleich mit anderen Bloggern oder Bloggerinnen entstehenden Minderwertigkeitsgefühle!

      • Helmut Newton der Fotograf, der durch seine extravaganten Fotografien von Frauen bekannt wurde, entschied sich, in einem noblen Restaurant zu speisen. Der Inhaber&Koch erkannte und begrüsste ihn. Bat ihn an einen schönen Tisch und sagte: „Ich habe viele Ihrer Bilder gesehen, Sie müssen tolle Kameras haben.“

        Was den Dialekt betrifft, so haben Sie zweifellos Recht hinsichtlich unserer schnellen Zeit. Sprächen wir alle in unseren Mutterdialekten, es würde lange dauern, bis wir auf den Punkt kämen, den alle gleichermassen verstehen. Es gibt da ein wundervolles Buch des Historikers Peter Burke über das Küchenlatein, die Hilfssprache des Mittelalters. Dies Lektüre kann einem erhellen, was wir verlieren wenn wir die Dialekte verlieren; andererseits wäre unser beider Kommunikation von mannigfaltigen Missverständnissen begleitet. Deswegen schreiben wir hochdeutsch miteinander.
        Dass Sie mit einer Formulierung wie „…kann ich ja da nichts Gekonntes vorweisen, sondern drücke nur auf mein Smartphone und das war’s.“ meinen heftigen Widerspruch herausfordern, das wussten Sie als der listige Schelm, der Sie sind. Und genau aus diesem Grunde versage ich mir meinen Widerspruch. Fein von Ihnen, lieber Zeilentiger, dass ich bei alledem in Ihren Worten keinen Komplimentenangler erkenne.

        Nach dem Viergängemenu kam der Inhaber&Koch des Restaurants zu Helmut Newton an den Tisch und erkundigte sich nach der Zufriedenheit seines Gastes und ob ihm das Mahl gemundet habe. Helmut Newton erwiderte: „Das Essen war fantastisch, Sie müssen grossartige Kochtöpfe haben.“

        Äpplerundbierundfürgästeguteskellergefüllte Grüsse aus dem herzlichen Bembelland.

      • Form und Inhalt Ihrer Antwort haben es in sich. Ihre Anekdote zu Helmut Newton hat mich sehr amüsiert. Davon abgesehen verstehe ich Ihre Botschaft: got it. Ich möchte trotzdem noch einmal widersprechen, sehe aber, dass Sie das Gelände sehr geschickt (und dabei wohlwollend) so abgesteckt haben, dass mir kaum die Möglichkeit zu einer Entgegnung bleibt. Daher nur so viel: Die Ansprüche, die ich an meine Worte und meine Bilder stelle, sind sehr unterschiedlich und ich glaube, gute Gründe dafür zu haben. Damit sei diese Sache abgeschlossen.

        Danke sehr für Ihren Hinweis auf das Buch Peter Burkes. Ich werde es im Auge behalten.

        Lieber Herr Ärmel, Ihnen weiterhin einen schönen Abend!

  2. Sich erheben. Sich aufmachen, aufwachen gar. Bleierne Gewichte abschütteln und schwingend weit ausschreiten. Berge bezwingen, auch innere und dabei achtsam bleiben. Das alles lese ich hier. Sie machen mir Mut, Ihre Worte, dafür danke ich sehr. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch, bergerklimmend.

    • Ich mag Ihre Feinfühligkeit, verehrte Frau Knobloch. Sie ermuntern mich und präsentieren es aber so, als habe ich Sie ermuntert. Ein herrliches Taktgefühl! Herzlich dankt und grüßt Ihr Zeilentigerschreiber

      • Zwar unabsichtlich tat ich dies so formulieren, doch wenn dadurch so behutsames Geben und geben lassen und Nehmen und nehmen lassen entsteht: Gerne und gerne wieder. Tannenduftgrüße aus dem Florallabor, herzfein zugetan, Ihre Frau Knobloch.

  3. Mit viel Feingefühl und darum sehr taktlos sage ich: Der Text und die Bilder haben mich sehr berührt. Man steht so neben sich und fragt sich: Was tue ich hier eigentlich? Es ist kaum zu beantworten und doch, man kann nicht davon ablassen. Jeder macht sowas durch. Es ist manchmal zum verwechseln ähnlich – von weitem. Aus der Nähe sieht es dann doch anders aus und so sind die Ergebnisse auch. Ich bin gespannt.

    Nicht ernst und auch nicht willi, sondern mick.

    • Lieber Mick, danke für diese feine Rückmeldung, ein bisschen geheimnisvoll, ehrlich und mit einem Blick hinter die Mauern. Dass manches von Weitem zum Verwechseln ähnlich sieht, erleichtert uns wahrscheinlich, uns auf eine Kommunikation einzulassen über Dinge, die aus der Nähe dann doch anders aussehen. Gespannt bin ich übrigens auch. 🙂

  4. Nachsatz:
    Gerade habe ich in dem Blog „Cool Pains“ gestöbert und dieses gefunden: „Vergangenheit? Nein, nein, es handelt sich nicht um die Vergangenheit, vielmehr um Episoden eines geträumten, zeitlosen Lebens, die ich Seite um Seite dem trüben Alltagsleben entreiße, damit es ein bisschen Schatten und Licht bekommt.“ Es stammt aus “Gräser der Nacht” von Patrick Modiano. http://pagophila.wordpress.com/2014/11/19/graser-der-nacht-2/

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