Eine kaspische Irrung – Olivier Rolin, „Letzte Tage in Baku“

An einem Frühlingstag im Jahr 2009 setzte sich der französische Schriftsteller und Journalist Olivier Rolin in einem Hotelzimmer der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku (Hotel Abscheron, Zimmer 1123) eine Pistole an den Kopf und erschoss sich. So nahm der Autor 2004 seinen eigenen Tod in einem literarischen Spiel vorweg. Fünf Jahre später reist er – gegen den Rat seiner Freunde – nach Baku ans Ufer des Kaspischen Meers: zu einem Rendevouz mit seinem eigenen literarischen Tod.

Der makabre Flirt sieht sich unerwarteten Schwierigkeiten gegenüber, denn das Hotel Abscheron existiert nicht mehr. Einen Monat lang treibt Rolin, einem unerlösten Geist gleich, durch das kaspische Land, isoliert durch seine mangelnden Kenntnisse des Russischen (ganz zu Schweigen natürlich vom turksprachigen Aserbaidschanischen) und auf sich selbst zurückgeworfen.

Ich habe mich immer als Kosmopolit gefühlt, aber gehemmt, unzulänglich, unentschlossen. Schuldig, sprechen wir es ruhig aus. Wenn ich sterbe – vielleicht bald hier, in Baku –, werde ich unter anderem eines bedauern: dass ich nur ein Grabscher von Sprachen war, dass ich sie nicht zu meinen Maitressen gemacht habe.

Seine Stadtodyssee führt ihn in eklektizistische Paläste, die neureiche Ölbarone – eine muslimisch-kapitalistische Aristokratie, gegen die sich Stalin (als der diesen Namen noch nicht trug) als Bankräuber und Terrorist seine Sporen als sozialistischer Kämpfer verdiente – Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet hatten, eine Epoche, die der schillernde Autor Essad Bey alias Lew Abramowitsch Nussimbaum alias Kurban Said einst so malerisch beschrieben hatte.

Rolin pirscht sich an Sungarit heran, den größten petrochemischen Industriekomplex der UdSSR, früher eine Gartenlandschaft mit begehrten Melonen, heute eine kilometerweit verwüstete, düstere Landschaft entlang des Kaspischen Meeres und einer der am stärksten von Umweltgiften verseuchten Orte der gesamten Welt.

Rolin sucht die Stimmen Aserbaidschans, vom ehemaligen Offizier der Roten Armee und Afghanistanveteranen, der nun das Hungerdasein eines Bettlers fristet, bis zum Maler Tahir Salachow, der sich mit beinahe jeder Berühmtheit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte ablichten lassen. Und er unternimmt einen Ausflug über das Kaspische Meer hinüber nach Turkmenistan, einer weiteren der ehemaligen Sowjetrepubliken, die erstarrt ist unter dem wahnwitzigen Kult um ihren Staatsführer, dem Turkmenbaschi („Führer der Turkmenen“) Saparmurat Nijasow.

Einer der Fischer, ein großer, schlaksiger Kerl mit Bart und im Trainingsanzug, fragt mich, ob es in Frankreich Fische gebe (diese Frage …) und ob es Carla Bruni gut gehe (diese Frage bejahe ich weniger nachdrücklich, hm, ja doch, ich habe den Eindruck, ja).

Ein Reisebericht kennt immer drei Ebenen einer Reflexion oder Auseinandersetzung – der unmittelbaren Begegnung mit dem Gegenüber; der mittelbaren durch Rezeption anderer Quellen und Wissensvermittlung aus zweiter Hand; der Konfrontation mit sich selbst – und entsprechend erhält ein Reisebuch seinen Grundcharakter durch die Gewichtung der drei Ebenen. Rolin räumt allen dreien Platz ein, in einer immer wieder seine Form suchenden, oszillierenden Gemengelage.

Welchen Sinn hat diese Geschichte eigentlich, die Sie gerade lesen? Und was ist es überhaupt? Ein Reisetagbuch, zusammenhanglose Erinnerungsfetzen, ein Testament?

Dabei überzeugen Rolins „Letzte Tagen in Baku“ nicht immer. Wer ein Geflecht literarischer Bezüge schätzt, wird den Teppichknüpfer Rolin (mit seinen Rückgriffen insbesondere auf französische und russische Literatur) mutmaßlich genießen. Ungeachtet bestechender Schilderungen (etwa des Opernbesuchs, der menschenleeren megalomanischen Moschee in Kiptschak, der Ruinen von Merw) lässt der Erzähler doch Poesie missen. Womit selbstredend nichts Schwelgerisches gemeint ist, sondern eine Verdichtung von Sprache und Bild, die neue Blickfluchten öffnet. Nicht zuletzt wirkt der Erzähler in der Innen- und Außenwelt bisweilen orientierungslos, als hätte er nicht gewusst, was er mit seiner Zeit anfangen sollte.

In einer Schlüsselszene lichtet sich der (fast) nackte Autor in seinem Hotelzimmer selbst ab, das Foto ist in das Buch aufgenommen: Steif steht er da, den Kopf etwas schief gelegt, der Körper noch durchtrainiert, die Einsamkeit seines 62. Geburtstages steht in das Gesicht geschrieben, die Situation ist lächerlich. Es könnte Sinnbild einer biographischen Selbsthinterfragung unter dem Zeichen des Todes sein. Doch es fehlt der Odem der Überzeugungskraft. An dem Bild wie an dem Buch.

Eine Besprechung der sehr lohnenswerten Biographie „Der Orientalist. Auf den Spuren von Essad Bey“ von Tom Reiss findet sich auf Philea‘s Blog.

Olivier Rolin, Letzte Tage in Baku. Bericht. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind 2013. Halbleinen mit Lesebändchen, 160 Seiten mit 57 Schwarzweißfotografien.

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4 Gedanken zu „Eine kaspische Irrung – Olivier Rolin, „Letzte Tage in Baku“

  1. Halbleinen mit Lesebändchen gehört heutzutage schon zum taktilen Wertigkeitsanspruch, 106 Seiten mit 57 Fotografien – Nanu? fragezeicht es da.. Nicht wegen schwarz-weisser Fotos sondern wegen des Verhältnisses von Seiten und Fotos.
    Es suggeriert mir ein schnelles Roadmovie.
    Andererseits lese ich „Nicht zuletzt wirkt der Erzähler in der Innen- und Außenwelt bisweilen orientierungslos, als hätte er nicht gewusst, was er mit seiner Zeit anfangen sollte.“
    Da das erzählte Ich schon zuvor als isoliert beschrieben wurde, eigentlich kein Wunder, dass kreative Lücken entstehen im Umgang mit der Zeit.
    Einhundertsechzig Seiten mit derart vielen Bildern. Gesetzt, ein Foto benötigte eine Drittel Seite, dann wären etwa hundertvierzig Seiten Text zu bewältigen.
    Die Rezension hinterlässt bei mir eine zwiespältige Gedankenfalte. An einem längeren Abend gut ausgeruht, sollte der Text zu lesen sein.

    Lieber Zeilentiger, ich danke Ihnen für die sehr gelungene Präsentation.
    Montagmittäglicharbeitsunlustige Grüsse aus dem magischen Bembelland

    • Die Fotos sind klein (und reizlos) und das Buchformat ist es auch, daher dürfte Ihre Schätzung die Sache gut treffen. Und ja, eine gewisse Konzentration vorausgesetzt lesen Sie das auch an einem Abend durch. Mir hat das Buch hie und da durchaus Gewinn gebracht, aber als Ganzes wenig Freude. Ich bin noch unschlüssig, ob ich es (wegen einiger für mich thematisch interessanter Aspekte) im Regal behalten oder aussortieren werde. Andererseits muss ich auch gestehen, dass ich offenbar (die Buchbesprechungen hier zeigen das) fast immer etwas zu meckern habe. An Büchern zumindest. 😉

      Danke für Ihre Lektüre und Ihren Kommentar, lieber Herr Ärmel.

  2. Halbnackte Männer in Aserbaidschan interessieren mich nicht. Keep rollin‘ Oli, morgen ist auch noch ein Tag, falls man sich nicht verirrt.

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