La Inconclusa

Beim Mittagessen weinte ich. Ich war eben von der Schule heimgekommen und hatte mir etwas zu essen gemacht, legte eine Schallplatte meines Vaters auf und aß und überflog nebenher den Brief einer Hilfsorganisation für blinde Menschen, der mir aus irgendwelchen Gründen in die Finger geraten war. In dem Brief war viel von Licht die Rede. Ich war damals sehr empfänglich für Lichtmetaphern. Und plötzlich rannen mir die Tränen über die Wangen, während ich weiterkaute. Ich weinte vor Glück – über das Essen, über mein Augenlicht, über das Leben an sich. Das wäre nicht passiert ohne dieser Musik, die aus dem Nebenzimmer drang, dieser Schallplatte von Los Incas. Und ich war froh, allein zu Hause sein, denn ich weine furchtbar ungern vor anderen Menschen.

Los Incas_Musik_Schallplatte

Zeitreise mit Los Incas

Früher einmal, das müssen wohl die späten 80er-Jahre gewesen sein, da waren diese Indios da – vier oder fünf Musiker mit akustischen Instrumenten – vielleicht das Schönste, was mir in der Fußgängerzone der nächsten Kleinstadt passieren konnte. Ich blieb jedes Mal stehen, wippte mit dem Fuß und freute mich. Dann kramte ich ein paar kleine Münzen heraus – für diese Musik trennte sich auch der Schüler von ein bisschen Taschengeld –, stotterte etwas in meinem schlechten Schulspanisch, worauf die fremden Gesichter lachten, um gleich wieder in ihre unergründliche Reglosigkeit zu verfallen, und ich wusste nicht, hatten sie mich ausgelacht oder sich doch gefreut, und traute mich nicht, das herauszufinden, indem ich einfach weiterredete.

Später dann, als ich studierte, kamen andere in die Fußgängerzonen, meist nur noch zwei Indios, die sich, mit gewaltigem Federschmuck behangen, breitbeinig hinstellten und zu grauenvollen Eso-Kitsch-Synthie-Klängen aus großen Boxen in ihre Panflöten säuselten. Immer verhärteten sich meine Gesichtszüge und ich beschleunigte meinen Schritt. Nicht mehr Freude, sondern Verachtung verband ich mit diesen Begegnungen.

Dann passierte es im letzten Jahr, ausgerechnet kurz nachdem ich auf dem schönen Blog normalverteilt einen Beitrag über diese „Großstadtindianer“ einst und heute gelesen hatte. Nach ungezählten Jahren lief ich in der Fußgängerzone wieder einer Gruppe Indios über den Weg, die auf ihren Akustik-Instrumenten spielten, wie früher, richtige Musik. Mit leuchtenden Augen blieb ich stehen. Es war wunderschön.

Kürzlich drehte sich das Rad weiter. Ich schlenderte über einen Flohmarkt, stöberte hie und da in einer Kiste mit Schallplatten und nahm ein paar Scheiben mit. Sie waren günstig, denn es waren private Gelegenheitsverkäufer. Auf dem Rückweg aus der Innenstadt machte ich nochmals einen winzigen Schlenker über den Flohmarkt und stieß auf einen Stand mit Vinyl, den ich vorher übersehen haben musste. Eher halbherzig blätterte ich durch die Alben. Und da war sie, einfach so. Die Platte, die mir noch nie außerhalb meines Elternhauses begegnet war, die zufällig zu finden ich nie erwartet hatte: Los Incas, die sich zeitweilig Urubamba nannten und Simon & Garfunkel zu ihrer Einspielung von El Cóndor Pasa brachten (was für meine Geschichte jedoch nichts zur Sache tut). 1956 war die Band in Paris von dem Argentinier Jorge Milchberg gegründet worden war und bereits der Nachname zeigt, dass es sich bei Los Incas nicht um die ‚klassische‘ Gruppe von Cordillerenindianern handelte. Die Musik aber ist mindestens so schön.

Wie dieses Lied „La Inconclusa“ (Die Unvollendete) aus den Anden, eingeleitet von einem Dialog zwischen der spanischen Gitarre und der Bombo, einer indianischen Baumtrommel.

Si ha’i de caer la luna
que me espere un poquito más,
pues aún mi canción
no la pude terminar.

Wenn der Mond untergehen soll
möge er auf mich noch ein bisschen länger warten
weil ich mein Lied doch
noch nicht beenden konnte.

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22 Gedanken zu „La Inconclusa

  1. Danke für den wunderbaren Rückblick. Ich habe schon ewig keine von diesen Musikergruppen, unplugged und federfrei, gesehen. Und der wankelmütige Mond ist sehr, sehr schön.

    • Ich danke für die Anregung und fürs sofort Richtigverstehen der nun nachgebesserten Verse. Ja, der Mond … Und vielleicht besinnen sich die einen oder anderen ja noch auf unplugged und federfrei und reisen auch durch die Städte in der Nachbarschaft von Rhein und Eifel.

  2. Man kann es nachvollziehen, das Quellen des Augenwassers. Gut, wenn so etwas in Erinnerung bleibt. Mir treibt immer noch das Ännchen von Tharau die Tränen in die Augen. Ominkel am Plattenspieler, Kind leg das Ännchen auf sagend. Das Bild des vom Krieg aufgefressenen Opa, die Andeutungen vom Flüchten, ach…
    Indiomusik lernte ich erst später kennen, Sie ahnen wo…in der Kesselstadt. Ein schönes Lied haben Sie da ausgewählt, Verehrtester. Danke dafür.
    Montagserinnerlichte Grüße, Ihre Frau Knobloch.

  3. Unkundige Übersetzungen sind tückisch und wenig vertrauenswürdig, und das gilt auch für meine. Ich habe die Verse nachgebessert und so klingen sie gleich viel sauberer und sinniger. Ich danke B. für die kritische Frage und natürlich R. für die blitzschnelle und kompetente Übersetzungshilfe!

  4. Die Tränen kann ich sofort mitempfinden.
    Heute sieht man fast ausschliesslich Otavalo-Indianer in den westlichen Metropolen. Die sind fit in Marketingstrategien und bereisen die Welt und machen ihre Geschäfte. Sie wissen, wie sich die Gringos die indianische Welt ausmalen und zusammendenkeln.
    Und dafür werden dann die passenden scheinfolkloristischen Konsumartikel produziert.
    Würde kein Indio kaufen, geschweige denn anziehen.

    Dass Sie diese alte Scheibe auf einem Krabbelmarkt gefunden haben, das freut mich und dazu gratuliere ich Ihnen.
    Ich finde auch gerne, was ich nicht suche.

    Frühabendlichenovemberdunkle Grüsse aus dem südlichen Bembelland

    • Danke, Herr Ärmel, das schätze ich. Otavalo habe ich in die Suchmaschine meines Vertrauens eingegeben und wünschte, sie hätte noch mehr geliefert. Auch Ihnen fröhliches Finden!

      • Otavalo ist ein Städtchen nördlich von Quito, der Kapitale von Ekuador.
        Otavalo als Metapher ist die Geschäft gewordene Rache der Indianer an den
        hellhäutigen Gringos (i.e. „green go“ wegen der grünen Uniformen der
        Überheblicharroganten Eroberer aus dem nördlichen Teil des Kontinents).

        Zumlebkuchenholenaufbrechende Grüsse aus dem Nebelbembelland

      • Den Lebkuchen verspeise ich gerade und danke für die umfassende Aufklärung. „Die Geschäft gewordene Rache der Indianer“ an den Gringos finde ich vortrefflich formuliert. Mandeletceteragrüße vom Nebenfluss

  5. sehr einfühlsam geschrieben, sehr zart, ja, hingebungsvoll…
    man fühlt sich gleich mitten im Geschehen…
    el Condor pasa…

    früher, als Kind, habe ich mich sogar eine Zeit lang mal als
    „Großstadtindianer gefühlt“, zumindest dachte ich das,
    doch das war natürlich ein Irrtum…

    Noch vor wenigen Tagen erlebte ich wieder eine solche
    Gruppe auf der Kö der Kesselstadt, eine Familie,
    alle 5 komplett durchdrungen von Musik,

    natürlich wippte mein Fuß sofort mit,
    und losreißen konnte ich mich kaum,
    immer wieder fesselnd!

    Liebe Morgengrüße von mir zu dir,
    und schau mal hier, wenn du magst, DICH habe ich auch aufgeführt:
    http://finbarsgift.wordpress.com/2014/11/13/finbars-welt-ein-kleiner-einblick/

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