Euklids Degen

Diese merkwürdige Furcht, beim Öffnen einer Toilette im öffentlichen Raum eine Leiche vorzufinden …

Er liest vom Blatt über die phänomenologische Begründung der Geometrie, dieser überschlanke Mann mit den tiefen Geheimratsecken, das schüttere schwarze Haar schräg nach hinten gekämmt und zu einem Scheitel aufgeworfen. Im hageren Künstlergesicht suchen große dunkle Augen (umrandet), ein kurzer, angegrauter Vollbart bietet den asketischen Wangenknochen nur schwachen Schutz, die scharfe Nase springt weit nach vorn, der Mund eher Strich als Schwung.

Weit offen steht der weiße Hemdkragen über dem dunklen Sweatshirt − ein Halstuch würde dem Manne stehen −, die dunkle, offene Jacke schmücken große Knöpfe, die schwarze Hose ist von einem lässig hängenden Gürtel mit übergroßer Schnalle gehalten und über den schwarzen Schuhen abgebunden, seine Rosinante ein Rad.

Er könnte ein verarmter spanischer hidalgo sein aus dem siglo del oro, den steifen Barockkragen abgeworfen, den Degen verkauft für die Feder, einen Hauch feminin und womöglich bereits auf die schiefe Bahn geraten. Auch ein dunkler van Gogh vor dem Schnitt des halben Ohres ginge an, vielleicht auch ein Hungerrabe zwischen Gedankenschwere und Lebenstanz.

Die Füße schlägt er im Stehen übereinander, dann zieht er die Hose hoch über die schmalen Hüften, er stützt den Ellbogen auf das Pult, reibt sich mit der beringten Hand über Kinn oder Brust und scheint, während er die Sätze abliest, sein Publikum vergessen zu haben. Draußen wird es hell, der Dämmerregen hat aufgehört, über dem Gehölz links und rechts des schmalen Tales hängen die Wolken tief bis fast auf die Wipfel herab. It never rains in Southern California, das tut es dafür hier am äußersten Rand einer weiteren deutschen Regenstadt umso mehr. Vor dem Fenster, hinter dem Parkplatz liegt nur noch Wald, hier nicht allzu fern von der Mitte Deutschlands und doch am Ende der Welt.

„Die Systembiologen sammeln riesige Datenmengen und wenden sich dann an die Philosophen und fragen, könnt ihr uns sagen, was wir da eigentlich tun? Das ist, finde ich, dann ein bisschen spät.“

„Wenn Siegen zu ist, ist Siegen zu“, ruft der Busfahrer vier Reihen nach hinten und niemand wagt den sophistischen Gegenbeweis. „Ich bin gelernter Speditionskaufmann und war 20 Jahr lange in der Disposition, ich bin Vollprofi. Aber so was wie hier habe ich nicht erlebt. Das ist die Hölle, sage ich Ihnen. Hätte ich Ihnen jetzt auch durchs Mikrofon sagen können, aber das ist kaputt. Aber ich nehme mal an, meine Stimme ist laut genug, ne?“ Ich hebe den Daumen und renne dann los. Ich habe ihn gerade noch erwischt, den Zug, der Hölle zum Trotz.

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20 Gedanken zu „Euklids Degen

  1. Die Heimat, das Vertraute, den sicheren Grund des Kessels verlassend in fremde
    Gegenden aufbrechen das erfodert Entschlossenheit.
    In fernen unwirtlichen Umgebungen fremdmerkwürdig aussehendenen Gelehrten
    auf ihren unergründlichen Denkpfaden nachzufolgen, einen gestandenen Mann braucht
    es dazu vor keinen Abgründen zurückschaudernd, den Regenwaldbezwinger. Der ohne
    Wimperzucken die Schlange falschen Wissens würgt.
    Gestärkt und gereinigt kehrt ein solcher zurück und es erstrahlt seine Wohnstatt von neu
    zu berichtender Kunde.
    Vielen Dank, lieber Zeilentiger, für Ihren Bericht in wie stets wohlgesetzen Worten.
    Vorwochenendlichschöne Grüsse vom Schwarzen Berg sendet, Ihr Ärmel

    • Lieber Herr Ärmel, jetzt bin ich ein wenig verlegen, denn schließlich habe ich nicht die Berge von Tibet erstiegen, um dort von einem Zweihundertjährigen unvorstellbare Weisheiten zu lernen, und ein Schlangenwürger bin ich auch nicht. (Und ich glaube, ich sollte die von neu zu berichtender Kunde erstrahlende Wohnung mal wieder von ihrem irdischen Schmutz befreien.) Aber ich danke Ihnen sehr für die ganz und gar wohlwollenden Worte. Ich wünsche Ihnen ein glückreiches Wochenende!

  2. Mein lieber Herr Zeilentiger, Ihre Gabe mit Buchstaben Bilder auferstehen zu lassen und so sich uns mitzuteilen, ist wieder schlichtweg hachmachend. Und der Hölle zu trotzen, das sollten wir alle öfter mal wagen. Liebfreitagsgrüße, Ihre Frau Knobloch.

    • An manchen Tagen sind Sie mir ja ein Lichtblick, liebe Frau Knobloch, das müssen Sie sich jetzt einfach mal anhören. Und ja, da haben Sie recht, dass wir öfter mal der Hölle trotzen sollten. Auch (und erst recht) den ganz kleinen. Vergnügte Grüße, Ihr Zeilentiger

  3. Hölle, wo ist dein Stachel?
    Toilettenleichen hin, Zeitreisende her, was bleibt: Wenn Siegen zu ist, ist Siegen zu. Ein Satz wie für Marmortafeln; und doch, und doch –!
    Schönschön.

    • Ah, ich spüre, wie sich Widerspruch regt gegen den unerschütterlichen Satz! Sollte der Bildhauer doch Hammer und Meißel sinken lassen, bevor er den Satz in den Marmor schlägt? Und ich mag das schönschön ohne Leerzeichen, das ist ein unverwechselbarer Tonfall. Dass er hier erklingt, dafür danke.

  4. Ganz was anderes:
    Er liest vom Blatt über die phänomenologische Begründung …
    Wie anders sich das läse, stünde da: Er singt …
    (Heute ablenkbar. Grüße!)

  5. Ja, die Siegerländer „Hauptstadt“ ist hässlich geworden, hat sich auf der anderen Seite seit und durch die Uni der Welt geöffnet, ein bisschen. . Als ich dort geboren ward, war das Hinterwäldlertum noch arg biestigbitter! Und drumherum in den Wäldern und gen Wittgensteiner Land ist es herbschön mit einsamsten verlassenen Forsthäusern, in denen früher von umtriebigen Chaosreligiösen übelste Orgien gefeiert wurden, wie mir ein ortskundiger Wissensmensch raunend berichtete….

    • Ich hätte gerne mehr Eindrücke erhalten von der Stadt, leider bestanden die vorwiegend aus einer Busfahrt. Das Umland hat mir sehr imponiert, besonders an der Sieg entlang. Die übelsten Orgien kann man sich in den Wäldern gut vorstellen.

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