Calderón geht auf Reisen (3)

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Mitten in der Schorfheide wird Hochzeit gefeiert am Forsthaus der Familie, die – durch bloßen Zufall –  den gleichen Namen trägt wie der Vorbesitzer des Calderóns. (Die einen Brandenburger, fröhlich und preußisch-kurzentschlossen, der andere ein immer zweifelnder Übersetzer, Schriftsteller und für kurze Zeit Kollege aus deutschlitauischer Familie.) Das Feld, das als Parkplatz dient, ist von Wildschweinen aufgewühlt, eines davon wird, wunderbar zart und aromatisch, am Abend aufgetischt und die Grillen zirpen, als wüssten sie nichts von Herbst.

Gleich in der Nachbarschaft, drüben in Polen, steigt derweil Rosaura in Männerkleidern eine wilde Schlucht hinab. Es ist eine düstere Stimmung, die Verse sind schicksalsverhangen und unsere Heldin Rosaura – ich hatte mich sofort in sie verliebt – stößt in einem Turm (ein „Schloss des Schweigens“, wie die Perser es einst genannt hätten) auf ein furchtbares Geheimnis. Hier haust Sigismund, als Tier unter Tieren erzogen, doch in Wahrheit Erbprinz Polens. Sein eigener Vater hatte ihn, von den Sternen vor dem ganz grenzenlosen Machtbewusstseins seines künftigen Nachfolgers gewarnt, eingekerkert. Doch der König wird alt und er lässt seinen Sohn prüfen: Den Betäubten lässt er an den Hof holen und als Prinz, als König gar, erwachen. Zeigt er sich reif, wird er den Thron erben. War das Menschenexperiment gescheitert, weil Sigismund genau jener Mensch mit dem Willen zur Macht ist, vor dem das Orakel einst gewarnt hatte, wird er erneut betäubt und in sein Gefängnis zurückgebracht werden – und, da er die Episode am Hof, als Mensch, als Herrscher nur als Traum deuten wird, seinen erneuten Sturz nicht in ganzem Schmerz empfinden.

Der Plan scheitert fatal – und bringt am Ende doch die Lösung: Erst dadurch, dass der tätige Mensch sein Leben als Traum erlebt, aus dem er jederzeit und schmerzhaft gerissen werden kann, vermag er in seinem Handeln wirkliche Verantwortung zu zeigen. Das Leben ist nichts als ein flüchtiger Traum – das ist die bittere und zugleich heilsame, weil disziplinierende Lehre Calderóns.

Dich, Schauspiel, lasse ich nicht zurück – ich möchte dich noch einmal lesen.  Aber nun erst einmal hinein ins Wasser. Manchmal ist das Leben auch ein Traum im schönsten Sinne.

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7 Gedanken zu „Calderón geht auf Reisen (3)

  1. Ich bin jetzt garnicht so sicher, ob ich den Post richtig verstanden habe ~~~
    Der Schorfheider Vorbesitzer Calderóns hat im brandenburgischen ein polnisches Wildschwein in Frauenkleidern geehelicht.
    Im Schloss des Schweigens zirpen Grillen weil dem Sigismund ein Menschenxperiment misslungen ist.
    Derweil scheitert Rosauras Plan fatal als Übersetzerin in einer deutschlitausischen Familie zu arbeiten.
    Wieso aber weiss dabei der König von Polen, der jetzt als Erbprinz ins Wasser springen will nichts von der Hochzeit
    im Gefängnis?
    Also nochmal von vorne – ich sags ja, Barockliteratur…
    Spätabendverwirrtdurstige Grüsse vom Schwarzen Berg

    • Aber was machen Sie denn da daraus, Herr Ärmel? Habe ich es so schlecht aufgezogen? Also es ist so … Aber nein, es ist schon a bisserl spät, nicht dass ich Sie mit langwierigen Erklärungen vom Nachtschlaf abhalte.
      Fastnächtliche Grüße

      • Um des konvexkonkavputtenbarockhimmels Willen. Herr Zeilentiger, nicht doch, wo denken Sie hin… Meine Wirrnis ist nicht Ihrem Silbenwortsatzgewebe geschuldet, sondern allein meiner Ungeduld mit einem Blicke alle Handlungsstränge erfassen zu wollen 😉

        Ich werde noch einmal Ihren Text mir zu erarbeiten versuchen…
        Morgensonnigfrischluftige Grüsse vom Schwarzen Berg

      • Sie sind formvollendet höflich, lieber Herr Ärmel, aber ich lese zwischen den Zeilen mein Unvermögen. 😉
        Morgengrüße unter wieder einmal trübem Himmel

      • Verstehe ich das richtig – Sie wollen mit streiten um des Unvermögens willen? Wer der Unvermögendere sei von uns beiden?
        Herr Zeilentiger, ich schlage vor dieses Thema bei einem gemeinsam zu trinkenden virtuell gezapften Humpen frischen hellkalten Bieres zu beenden.

        Inzwischen sende ich Ihnen eine Ladung feinwarm schwarzbergianischer Sonnenstrahlen

      • Genau das ist mein Begehr! Wobei ich Ihnen ganz zustimme, dass ein gezapfter Humpen frischen hellkalten Bieres einen guten Rahmen dafür gibt. Wobei ich sehr gerne auch ein virtuell dunkelkaltes nehme.
        Ihre Sonnenstrahlen haben Mühe, den schwäbischen Wolkenhimmel zu durchdringen. Aber ich danke Ihnen für den – wortwörtlichen – Lichtblick.

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