Gemalte Wörter

Heute war sie wieder da. Alles an ihr − der Teint, ihre kurzen, gelockten Haare mit der hochgesteckten Sonnenbrille, Schuhe, Schmuck, Bluse, die Hose mit dem umgeschlagenen Saum, die Handtasche, quer hängend, die größere Tasche, aus der sie, kaum sitzt sie in der Bahn, sofort ihre Unterlagen zieht −, all das sind Nuancen auf einer Palette zwischen Haut, Bronze, Gold, Orange und Braun. Sie ist eine Dame, nicht mehr jung, die Augenbrauen in einem Halbrund nach oben gezogen, was ihr Gesicht − fast spöttisch fragend − noch einmal länger macht, die Augen, blicken sie einmal auf, wach und bereit zu einem Lächeln wie ihr konzentrierter Mund, doch meistens ist ihr Blick gesenkt.

Sie schreibt. Ihr kurzer Bleistift huscht über das Papier und formt Zeichen, chinesische Schriftzeichen, mit einer Leichtigkeit, die ich ehedem einer westlichen „Großnase“ kaum zugetraut hätte. Zeichen für Zeichen bringt sie zum Leben, das Blatt füllt sich − ohne Hast, ohne Zögern.

Sie legt den Stift zur Seite, sie zerreißt mit kurzer, entschlossener Geste − zielstrebig, frei von Kraftaufwand − einen Zettel, womöglich abgearbeitete Notizen, und lässt die gleichmäßig großen Papierstücke in die Tasche gleiten, bevor sie ihre Schreibübungen fortsetzt.

Einmal hatte ich sie angesprochen. Zwei Jahre (oder waren es drei?) lernte sie bereits Mandarin und nein, es sei überhaupt nicht schwer, wehrte sie meine Bewunderung ab, und wir hätten noch ein paar Sätze mehr gewechselt, wäre ich nicht an meinem Ziel angekommen.

Heute sitze ich ein paar Reihen weiter weg und verfolge den Lauf ihrer Hand übers Papier. Da verharrt ihr Stift einen Moment lang, sie zögert, ihre Lippen formen lautlos ein Wort, beinahe halte ich den Atem an, dann aber tanzt ihr Bleistift weiter auf seiner makellosen Bahn.

Ich steige aus, eine Haltestelle zu spät.

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27 Gedanken zu „Gemalte Wörter

  1. Wenn ich dieses Blog nicht als E-Mail abonniert hätte, wäre mir dieser Beitrag durch die Lappen gegangen – ich bekam ihn nicht in meinem Reader angezeigt. Ach, wie gern wäre ich auch so eine mittelalte Dame, die chinesische Schriftzeichen malt – aber meine Sprachkurse wollen einfach nicht stattfinden. Jetzt, im Juni, steht noch ein gebuchter vhs-Kurs an, Chinesisch in 24 Stunden.

  2. Sehr schön geschrieben. Ich sehe auch alles lebendig vor mir. Auch Dein eine-Station-zu-weit-fahren-weil-so-gedankenverträumt. Sehr sympathisch. 🙂 Ach so, ja, mir werden neue Beiträge von Dir auch nicht im Reader angezeigt (da bist Du aber nicht der einzige) und ich habe keine Ahnung, warum das so ist.

  3. Hast Du mich etwa beobachtet, als ich damals in Singapur regelmäßig von meinem Mandarin-Kurs zurück ins Appartment fuhr? ts, ts, ts … Aber nein, ich trug meine Haare damals lang und so schön elegant konnte ich sicher nicht schreiben 🙂
    Ein wirklich schön geschriebener Beitrag! Ich schaue jetzt mit ganz schlechtem Gewissen auf meine Mandarin-Schulbücher. Ich habe seitdem nicht mehr hineingeschaut.

  4. So,nach diesem gern gelesenen Bahnfahrterlebnisabenteuer singe ich nun sicherlich den ganzen Abend:“Schaaade,dass ich sonst nichts von ihr weiß..“.Dabei war der Artikel so leseleicht. Schaaade…

  5. Hey, ist das der Beginn einer langen Geschichte? Oder einer längeren Reise? Ich würde auf jeden Fall gerne weiterlesen! Ich habe die Dame vor meinem inneren Augen, ebenso wie die Schriftzeichen!
    Viele Grüße

    • Danke dir für die schöne Rückmeldung! Die Geschichte geht nicht weiter (zumindest nicht dass ich es jetzt wüsste), sie ist einfach nur eine kleine Alltagsbeobachtung. Das Spinnen längerer Geschichten fällt mir da etwas schwerer …
      Herzliche Grüße

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