Der Irrtum der Ayatollahs

Aleppo, 31.3.2011

Die junge Frau mit dem offenen, schulterlangen Haar hält mühsam das Gleichgewicht auf dem Fahrrad, tritt einmal in die Pedale, dann stockt die Fahrt wieder. Sie radelt durch den Suq von Aleppo, der Metropole im Nordwesten Syriens: schmalen, teils überdachten Gassen aus historischer Zeit, links und rechts reiht sich eine unüberschaubare Zahl kleiner Läden, dazwischen wälzt sich ein Strom an Menschen, Lastträgern und Handkarren dahin.

Das Fahrrad der jungen Frau ist modern, ein stolzes Tourenrad, das sich königlich ausmacht gegenüber den Klapperkisten, die es in Syrien gibt. Am Lenker baumelt ein Fahrradhelm (völlig unmöglich, sich so etwas in Syrien vorzustellen), über dem Gepäckträger hängen Reisetaschen. Ohne Frage, die Frau und das halbe Dutzend anderer junger Leute sind auf großer Fahrradtour. Sie sind Ausländer, aus einer anderen Welt. Sie sind Iraner.

Ihre Gesichter sind weich und schön, die Haut ist cremigbraun, die großen, hübschen Augen (alles bereits ein zarter Vorgeschmack von Nordindien, verglichen mit den Syrern um sie herum) blicken offen und neugierig all dem Fremden um sie herum entgegen. Ihre Augen tragen keinen ‚Schleier‘, keinen aus Vorsicht und Angst gewebten undurchdringlichen Vorhang wie die Syrer, obwohl sie selbst aus einem Regime stammen. Das ist erstaunlich.

Gut möglich, dass diese jungen Leute in ihrer Heimat privilegiert sind: die teuren Räder, die professionelle Ausstattung, aber auch ihr Aussehen (wohlgenährt und sportlich zugleich), ihr Ausdruck (höhere Bildung, gesicherte Verhältnisse).

„Welcome, Iran!“ oder „Ahlan wa-sahlan, Iran!“ rufen die syrischen und armenischen Ladenbesitzer. Eine der Frauen, mit langem Pferdeschwanz und ohne Kopftuch, lächelt breit − ein unbefangenes, freies Lächeln, das so gar nicht in dieses Land hier passt, erst recht nicht von einer Frau gegenüber einem fremden Mann − und ruft zurück „Thank you!“.

Und unwillkürlich denke ich mir, um wie viel weiter der Iran doch sein muss als dieses arabische Land hier. Und welch ein tragischer Irrtum das iranische Ayatollahregime für seine eigene Bevölkerung sein muss!

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7 Gedanken zu „Der Irrtum der Ayatollahs

  1. Ich bewundere dich, als Reporter aus Kriegsgebieten zu berichten,,,
    mir dreht sich schon nur der Magen um, wenn ich Syrien, Iran, Irak, usw. usf. höre…
    SCHREIBEN könnte ich da niemals drüber, schon beim Lesen tue
    ich mir schwer…
    viele Grüße
    vom Lu

    • Nun ja, lieber Lu, ganz so war es allerdings auch nicht. Nicht nur, weil ich kein Reporter bin, sondern auch, weil diese Reise nur zufällig mit den allerersten Tagen des Bürgerkriegs zusammenfiel. Ich bin kein mutiger Mensch, wirklich nicht. Wenn ich Reporter wäre, wäre ich ein denkbar schlechter Kandidat für Krisen- und Kriegsgebiete.
      Das zeigte auch jene Reise, als der syrische Geheimdienst auf mich aufmerksam wurde, als ich im Kurdengebiet unterwegs war, und mich befragte – eigentlich recht harmlos, aber ich war trotzdem mit den Nerven fertig und nur froh, in der glücklichen Lage zu sein, dieses Land rasch verlassen zu können. Im Gegensatz zu seinen bedauernswerten Bürgern. Nervenstark sind andere – ich ganz und gar nicht.

  2. Pingback: Links! | juna im netz

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