Eine Kunstvermeidung

„Hab mir den einen Tag eingebildet, täte verrückt werden“
(Oskar Schlemmer)

Mal ehrlich, diese Ballettfiguren von Oskar Schlemmer waren mir noch nie geheuer. „Gleich kommt das Beste!“, rief die Einstige, als wir uns in der Staatsgalerie den Kostümen des Triadischen Balletts näherten, und ich dachte mir nur: „Gruselig.“ Und: „Als wir mit der Schule hier waren, war‘s schon langweilig, aber die Figuren vom Schlemmer waren toll, die waren halt auch was für Kinder“, weiß ich von mehreren Eingeborenen. „Aber doch gerade die nicht!“, will ich entgegnen. Ich weiß nicht, was mich da traumatisiert hat.

Heute Abend begegnete Oskar Schlemmer in der Staatsgalerie Stuttgart auf eine ganz neue Weise. Denn zum ersten Mal wurde der Große Staatspreis für Bildende Kunst des Landes Baden-Württemberg als Oskar-Schlemmer-Preis vergeben. Er versteht sich als wichtiger Baustein der Kunstförderung durch die grün-rote Landesregierung und ist zugleich Zäsur. Der bisherige Hans-Thoma-Preis – Staatspreis des Landes Baden-Württemberg –, hat es nämlich einfach nicht mehr gebracht. Zu betulich und altbacken wirken die Landschaftsmalereien des Schwarzwälder Künstlers inzwischen. Dass zudem die Nazis die Werke des 1924 verstorbenen Malers schätzten, wäre als Totschlagargument vielleicht ein wenig zu schlicht gestrickt (das räumte Staatssekretär Jürgen Walter auf seine Begründung hin selbst gleich ein). Zukunftsweisend jedenfalls gilt das Werk Thomas heute nicht.

Die Programmhefte dienten an diesem (fast) ersten sommerlichen, jedenfalls bisher heißesten Tag des Jahres eher zum Fächeln als zur Lektüre. Es folgten die üblichen Etappen einer Preisverleihung. Dank an die Honoratioren. Abgelesene Reden. Eine kulturpolitische Rahmenabsteckung.

Kurze lokale Irritation: Eine Frau hat eifrig mitgeschrieben, dann schiebt sie ihr Notizbuch über zwei leere Sitze ihrer Nachbarin hinüber. Diese betrachtet die Seite, liest wohl die Sätze und gibt das Buch regungslos zurück. Was war denn das?

Suggestive Politik auf der Bühne: ein Akt, den ein Außenstehender (ich) wohl als plumpe Nötigung verstehen muss, dessen Resultat dann aber das Publikum zu lautem Applaus veranlasste, schließlich erhielt die Stuttgarter Staatsgalerie die Zusicherung, zwei Kunstwerke der Preisträgerin finanziert zu bekommen.

Die mitschreibende Frau wird wieder aktiv, dieses Mal reicht sie ihr Handy einem Mann in der Reihe hinter ihr. Er liest die Worte auf dem Display, reicht das Telefon zurück, die Frau lächelt, der Mann sagt, zeigt, deutet nicht viel. Rätselhaft.

Anstelle eines musikalischen Rahmenprogramms wurde aus Tagebüchern und Briefen Oskar Schlemmers gelesen, eine bunt gefächerte, hübsch zusammengestellte Auswahl – leider mit den diversen Redebeiträgen zusammen zu viel Text.

Die Frau verlässt ihren Platz, kommt nach einer Vietelstunde mit ihrer Tochter zurück, setzt sich an einen anderen Platz, schreibt wieder emsig mit, zu Sätzen der Rede, die mir wenig substantiell erscheinen.

Dann die Würdigung von Katharina der Großen: der Preisträgerin Katharina Grosse, 1961 in Freiburg geboren, Berlin, Düsseldorf, und ihrer Technik: der Eroberung des dreidimensionalen Raums mit der Spritzpistole.

Ich beobachte die Schreiberin und bin hin und hergerissen zwischen präventiver Abwehr und der stillen Hoffnung, ich möge der nächste sein, dem sie etwas zuschiebt.

Dann wird endlich der Preis übergeben, die Künstlerin steht mit verschränkten Armen auf der Bühne, Direktorin Lange der Staatsgalerie schiebt sie nach vorne, Blumen, Händeschütteln des Staatssekretärs, Wangenküsschen des Kurators Kittelmann, ein Plädoyer der Preisträgerin, Dank an die Öffentlichkeit, ans Publikum, denn kein Werk ohne Betrachter – und kein Betrachter ohne Werk?

Und dann ist es vorbei. Die schreibende Frau ist vergessen, die Menge strömt hinüber in den Nachbartrakt, wo ein Kunstwerk von Katharina Grosse zu sehen ist, wir hingegen bleiben irgendwo hängen, dann das rettende Glas Wasser und feine Häppchen auf Zahnstochern, von denen man sich nur zwei zu nehmen traut, obwohl es mindestens fünf verschiedene Varianten gibt, schließlich eine Erklärung, warum ich über die Preisverleihung keinen Blogartikel schreiben werde, und dann …

„Wie, wollen wir uns nicht verabschieden?“, stutze ich, als wir uns heimlich aus dem Gespräch schleichen. „Nein, nein, nicht nötig. Ich sehe das als Zeichen der Bescheidenheit, es nicht zu tun.“

Und so lassen wir den guten Geist Oskar Schlemmers zurück. Der Staatssekretär war da schon längst gegangen.

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4 Gedanken zu „Eine Kunstvermeidung

  1. Müssen ja fesselnde Reden gewesen sein, bei denen du kein Auge für irgendetwas anderes hattest 😛 Eine schöne Skizze, und hier auf jeden Fall nicht zu viel Text. Aber ich gebe zu, ich lese Text auch lieber, als dass ich ihn höre. Ein weiser Mensch sagte einmal, dass eine gute Rede über alles gehen darf, nur nicht über zehn Minuten…

    • Danke sehr, und „nicht zu viel Text“ finde ich auch immer eine beruhigende Rückmeldung! Die gestrigen Reden möchte ich im Übrigen gar nicht schlechtmachen. Sie waren nur so, wie sie bei solchen Anlässen eben oft sind. Und wenn man wie ich bei dem Anlass sowieso außen vor steht, lässt man gerne den Blick etwas schweifen. 😉

  2. Ich habe einen kurzen Beitrag in der Landesschau gesehen über die Spritzkunst von Katharina der Großen… hm… irgendwie gefallen mir da die alten Schlemmereien doch viel besser *g*

    Danke für deine fein geschriebene, individuelle Impression dieser Preisträgerveranstaltung… da habe ich mir das Schmunzeln öfters mal nicht verkneifen können.

    Dir einen schönen Tag, trotz Nieselregens…
    LG vom Lu

    • Danke sehr! Zuerst hatte ich ja gezögert: Auf Augenhöhe der Kunst bzw, des Kunstdiskurses kann ich nichts Wesentliches beitragen. Dass das, was mir dann so drumherum dazu ein- und auffällt, irgendwie interessant oder amüsant sein kann, freut mich.
      Ein schönes Wochenende nun auch dir!
      Herzliche Grüße, Holger

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