Der Dichter und die Massen

Zum Welttag des Buches hatte ich über eine Dichterlesung in Syrien berichten wollen. Die war auf den Monat genau zehn Jahre zuvor von einem der berühmtesten arabischen Gegenwartsdichter begangen worden. Ich hatte es sogar im Kalender stehen: „23. April: Welttag des Buches – Maḥmūd Darwīš“. Warum kam es nicht dazu? An dem Tag hatte ich einfach keine Lust, etwas zu bloggen. So schlicht sind manchmal die Motivationen. Nun reiche ich den Text nach. Es war damals ein Bericht an die Daheimgebliebenen. Ich gebe zu, manches würde ich inzwischen, zehn Jahre später, anders schreiben. Sollte ich es nachbearbeiten? Ich habe mich dagegen entschieden.

السلام هو الإنصراف إلى عمل في الحديقة:
ماذا سنزرع عما قليل؟

Frieden heißt den Garten pflegen und fragen:
Was pflanzen wir demnächst?

(Mahmud Darwisch)

Damaskus, April 2004

Araber lieben Poesie. Das ist uraltes arabisches Erbe. Vor dem Wirken des Propheten Mohammed, vor dem Auftreten des Islams also, oder – um es mit einem arabischen Wort zu bezeichnen – in der Zeit der „Dschahiliya“ (der Unwissenheit, Ignoranz) war die Kultur der Araber recht überschaubar. Nur in der Poesie, da waren sie groß gewesen, und was davon die islamische „Kulturrevolution“ überlebt hatte, gilt heute noch als eine der großen Epochen der Dichtkunst. Beduinen, die barfüßig durch die Dünen liefen und von Leidenschaft und Tod sangen und damit die Grundlage für das Hocharabische lieferten, einer Sprache so schwer, dass auch viele Araber an ihr verzweifeln. (Und bisweilen, wenn sie einer Fremdsprache mächtig sind, lieber in dieser mit einem Ausländer reden, als vom Dialekt auf das Hocharabische – da längst nur Schriftsprache – umzusteigen.) Bis heute erreichen arabische Dichter einen Ruhm, wie er für den europäischen Poeten – oft genug Sinnbild einer armen, wirkungsohnmächtigen Existenz – unvorstellbar ist. Einer von ihnen, der vielleicht größte und bekannteste dieser Zeit, sollte zu einer Lesung nach Damaskus kommen: Mahmud Darwisch.

In diesem Haus hatte ich zur Zeit der Dichterlesung gewohnt.

Nein, dieses Foto hat nur ganz am Rande etwas mit Mahmud Darwisch zu tun: In diesem Haus hatte ich zur Zeit der Dichterlesung gewohnt.

Mahmud Darwisch war Palästinenser und nicht zuletzt die Tatsache, dass er – auch – ein politischer Dichter war, eine Stimme Palästinas, machte ihn so ungeheuer populär in der arabischen Welt. In seinen jungen Jahren war der Dichter in der kommunistischen Partei tätig. 1970 ging er ins Exil und trat in die PLO ein, wo er schließlich eine wichtige Stellung einnahm. So war er unter anderem Mitglied der palästinensischen Gesandtschaft in Oslo, trat dann aber von seinem Posten zurück, weil ihm die palästinensischen Zugeständnisse gegenüber Israel in dem Oslo-Abkommen zu weit gingen. In den letzten Jahren galt er als innerpalästinensischer Oppositioneller – und ist ungebrochen populär sowohl als politischer Dichter wie auch als Denker und Poet, der die Verbindung zu den einfachen Dingen im Leben, den gewöhnlichen Menschen nicht verloren hat.

Wir waren eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, die die Dichterlesung besuchte. Fast zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung betraten wir das unerwartet modern wirkende Sportareal. Schon jetzt standen die Menschen Schlange vor dem Eingang, an dem Taschen und Mäntel kontrolliert wurden. Die Lesung sollte in einer Turnhalle stattfinden – es gab keine Kultureinrichtung, welche die erwarteten Besuchermassen zu fassen imstande gewesen wäre. Die Sitzplätze waren bald belegt und eine harsche Lautsprecherstimme forderte die Stehenden auf, auf dem mit Tüchern ausgelegten Boden der Sporthalle Platz zu nehmen.

Schließlich war auch dieser belegt. Dichtgedrängt saß Reihe an Reihe. Viele Besucher waren junge Leute, wie sie auch in Europa nicht aufgefallen wären. Ein paar trugen Palästinaflaggen, schwarzweiße ‚Palästinensertücher‘ um den Hals oder ein Che Guevara-T-Shirt. Doch fanden sich letztlich ganz unterschiedliche Menschen unter den Zuhörern, die da in größter Disziplin und Geduld unten saßen, Ellbogen an Ellbogen (und ohne Zigaretten oder Alkohol): Jung neben Alt, Mann neben Frau, Reich neben Arm, Modernistisch neben Konservativ – Mensch an Mensch.

Ein Blick tiefer in die Gasse hinein. Hat der Krieg sie inzwischen verwüstet?

Ein Blick tiefer in die Gasse hinein. Hat der Krieg sie inzwischen verwüstet?

Es lag eine freudige Erwartung über der Menge. Einige Grüppchen junger Exil-Palästinenser klatschten im Chor und riefen die Freiheit Palästinas an. Dann endlich trat jemand ans Rednerpult der Tribüne und Tausende von Menschen erhoben sich, klatschten, riefen, jubelten. Kein Dichter, nur Rockstars werden bei uns so gefeiert. Doch zuerst gab es Vorreden, politische Phrasendrescherei vor allem und eine Schweigeminute für die „Märtyrer“ im Kampf um Palästina. (Als Märtyrer wird praktisch jeder vereinnahmt, der durch israelische Gewalt zu Tode kommt.) Ich war abgeschweift und reagierte zu langsam, als sich plötzlich alle in der Halle erhoben. Ein arabischer Freund stieß mich, auch wenn er persönlich wohl nicht so besonders viel von den arabischen Märtyrern hielt, in den Rücken und so zuckte auch ich hoch und erst nach und nach kamen einige Wortfetzen der vorigen Rede bei mir an und ich begriff. Jetzt sitzen zu bleiben wäre eine heftige Provokation gewesen.

Endlich kam der Dichter und wieder brandete Jubel auf. Mahmud Darwisch stand am Mikro, ein gepflegter, nicht besonders großgewachsener Intellektueller mit seiner großen Brille, und begann, seine Gedichte vorzutragen, selbstredend in Hocharabisch. Wie ich erwartet hatte, verstand ich nicht allzu viel von den Versen und nie den eigentlichen Sinn. Aber ich war sowieso nicht gekommen, um seine Gedichte zu erfassen. Die Lesung ging etwa anderthalb Stunden dahin und irgendwann ließ meine Konzentration spürbar nach, ich versuchte nicht einmal mehr, Worte und Halbsätze zu verstehen. Die Luft war schlecht, verbraucht und aufgeheizt von den vielen Menschen, und der Körper rebellierte gegen das stundenlange Sitzen auf einem zu kleinen Plastiksitz.

Und ums Eck mein Gemüsemarkt. Meist schätzten mich die Syrer gleich richtig als Deutschen ein. Dort hingegen wurde ich öfters für einen Russen gehalten.

Und ums Eck mein Gemüsemarkt. Meist schätzten mich die Syrer gleich richtig als Deutschen ein. Dort hingegen wurde ich öfters für einen Russen gehalten.

Ein paar wenige kleinere ungeplante Ereignisse unterbrachen die Lesung. Einmal trat ein Herr in Anzug an den Lesenden heran und küsste ihn auf die Stirn. Dann blieb der Strom kurze Zeit weg und gegen Ende hin ließen es sich die Zuschauer nicht nehmen, sich selbst zu Wort zu melden: Ein Mädchen rief dem Dichter ihre Liebe entgegen und einige äußerten einen Gedichtwunsch. Eine Art Dialog entspannte sich so zwischen dem Dichter und der Menge. Mahmud Darwisch ließ sich darauf ein, dass das Gegenüber von Lesendem und Zuhörer aufgehoben wurde. Natürlich sprach er mit den Zuhörern im Dialekt und es stellte sich das Gefühl ein, das auch in seinen Gedichten (liest man sie) zum Ausdruck kommt: Dass er einer von ihnen, den gewöhnlichen Menschen ist, aber dieses Leben in die Zaubersprache der Poesie zu bannen weiß.

Eine europäische Kommilitonin drückte sich am Folgetag so aus: „Ich hatte den Eindruck, dass dieser Mann in der Lage wäre, eine Revolution auszurufen.“

Mahmud Darwisch, die ‚poetische Stimme des palästinensischen Volkes‘, starb am 9. August 2008 mit 67 Jahren nach einer Herzoperation in Houston, Texas.

Wer den Dichter selbst in seiner Sprache hören will, findet hier ein Beispiel: Das Gedicht „Ich bin von dort, ich bin von hier. Und ich bin nicht hier und ich bin nicht dort“. Im Übrigen habe ich auf Youtube keine Rezitation von Mahmud Darwisch gefunden, die nicht musikalisch unterlegt wurde. Etwas ungewohnt für unsere Ohren – und vermutlich auch ein Ausdruck kultureller Disposition.

Mehrere Werke Mahmud Darwischs liegen in deutscher Übersetzung vor. Die Tücken der Umschrift bringen es mit sich, dass sein Name in den einschlägigen Datenbanken variiert: Machmud Darwisch, Mahmoud Darwisch, Mahmud Darwisch und Mahmoud Darwish habe ich als Schreibweise unter den lieferbaren Titeln gefunden.

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6 Gedanken zu „Der Dichter und die Massen

  1. Danke für diesen lebendigen Einblick in eine mir fremde Kultur. Es ploppt die Erkenntnis auf: Ich bin eindeutig zu wenig gereist. Schön, daß Sie bloggernderweise Fensterchen öffnen, durch die man spähen kann. Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch.

    • Danke sehr, verehrte Frau Knobloch. Ich mag solche Fenster auch gerne, weil ich von der Welt eigentlich auch nicht so wahnsinnig viel kenne. Herzlich grüßt Ihr Zeilentiger

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