Ode an den Penis – Jude Law in der Gaunerkomödie „Dom Hemingway“

Da steht der nackte Jude Law in Halbnahaufnahme, die muskulösen Arme gegen die Zellenwände gestemmt, das aufgeschwemmte Gesicht von einem Bart in einer seiner stillosesten Variation geziert, plumpes Gold blitzt im Mund auf, aus dem er – verzerrt, heiser – den Zuschauern eine Eloge auf den eigenen Schwanz entgegenschleudert, während er offensichtlich von einem Mithäftling oral befriedigt wird. Zeile um Zeile einer genitalen Selbstverherrlichung spuckt unser Knastbruder aus, halb primitiver Männerwahn, halb shakespearescher Monolog.

So führt die britische Gaunerkomödie „Dom Hemingway“ ihren Protagonisten ein, einen Safeknacker mit Triebproblemen: Dom ist versoffen, gewaltbereit, impulsiv und seine Zunge geht regelmäßig mit ihm durch wie ein bösartiger Gaul mit Dichterader, der zu viel Hafer gefressen hat. Als Dom Hemingway nach 12 Jahren aus dem Knast entlassen wird, verprügelt er als allererstes denjenigen Mann, der während seiner Abwesenheit seine Ehefrau gevögelt hat. Dass der die Frau zuerst geheiratet und bis zu ihrem Krebstod gepflegt hat, übersieht unser Cockney-Held großzügig.

Abrechnung Nr. 2 führt Dom mit seinem leidensfähigen Komplizen Dickie (Richard E. Grant) zum ehemaligen Auftraggeber Mr. Fontaine (Demian Bichir) in Frankreich, einem steinreichen, gemeingefährlichen Gangster. Dass Dom den nicht verpiffen hatte, will er sich nun in barer Münze auszahlen lassen. Dumm nur, dass Dom sich und seine Zunge wieder einmal nicht im Griff hat und die Geschichte einen Rattenschwanz an Problemen nach sich führt. Und dann gibt es da noch eine heikle Baustelle, Posten Nr. 3 auf Doms Rechnungsliste: Die Versöhnung mit seiner zwölf Jahre nicht gesehenen Tochter Evelyne (Emilia Clarke), die ihren Vater – ganz nachvollziehbar – für ein Arschloch hält.

Dom Hemingway ist ein Antiheld, ein wahrer Unsympath, der seine charmantesten Augenblicke dann hat, wenn er seinen Niederlagen ins Auge blicken muss. Denn natürlich wendet sich in seinem Leben jeder Triumph in eine neue Katastrophe. Dass das filmische Konzept aufgeht und einen Heidenspaß bereitet, liegt nicht nur an der frech-frischen Inszenierung, sondern ganz besonders an Jude Laws Schauspiel. Man kann sich gut vorstellen, wie er sich für diese Rolle abseits seines etablierten Images erst überwinden musste und dann aber loslegt, ein Spiel wie im Rausch, wie von der Kette gelassen: „Gellend heult Garm von Gnippahellir: es reißt die Fessel, es rennt der Wolf.“* Selten hat es solch hemmungslose Freude gemacht, einem derartigen Unsympathen zuzuschauen.

Viel mehr muss über „Dom Hemingway“ gar nicht gesagt werden. Die Story: episodenhaft und durchaus löchrig. Die Stimmung: ein paar Mal brutal, wie man es von britischen Gaunerkomödien der letzten Jahrzehnte so kennt, zum Schluss plötzlich etwas gefühlsdusselig, meistens aber einfach saukomisch. Die tiefere Ebene … Ach, lassen wir das. Wer glaubt, an „Dom Hemingway“ Freude haben zu können, weiß es wohl längst, wie umgekehrt. Und für die wenigen Unentschlossenen hier noch ein letzter Köder: „Dom Hemingway“ zeigt den vielleicht schönsten Autounfall der Filmgeschichte. Klingt paradox, ist aber wahr.

„Dom Heminway“. Regie: Richard Shepard. Mit Jude Law, Richard E. Grant, Demian Bichir, Emilia Clarke. 93 min. 2013. Deutscher Kinostart: 17. April 2014.

* Aus der Lieder-Edda („Der Seherin Gesicht“), zitiert nach der „Germanischen Götterlehre“, hrsg. von Ulf Diederichs, Eugen Diederichs Verlag.

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4 Gedanken zu „Ode an den Penis – Jude Law in der Gaunerkomödie „Dom Hemingway“

  1. Danke, Ihre Worte machen in der Tat Lust auf diesen Antihelden. Herr Law erschien oftmals doch sehr Nichtvondieserweltseyend, ihn mal als Unsympathen zu sehen wäre famos. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

    • Mehr ist wohl auch kaum dazu zu sagen – wenigstens hat die Überschrift tatsächlich einen unmittelbaren Bezug zum Inhalt. 😉

      Hoffentlich viel Vergnügen im Kino!

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