Ismaels friedliebende Enkel – Philip Hoare, „LEVIATHAN oder Der Wal“

Hoare_LeviathanSeit 15 Jahren ist der mareverlag nicht nur Synonym für Bücher über das Meer (im konkreten wie im übertragenen Sinne), sondern auch für schöne, auch in der Ausstattung hochwertige und ansprechende Printtitel – und erfüllt alle Kriterien, um das Faszinosum (gedrucktes) Buch am Leben zu erhalten in einer Zeit, in der viele Verlage immer mehr Eingeständnisse am Printbuch machen. Frei nach Goethe darf man über den mareverlag also sagen: Hier bin ich Buch, hier darf ich‘s sein.

Seine über 500 Seiten starke Studie über Wale – eine „Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe“ (2009 ausgezeichnet mit dem Samuel Johnson Prize for Non-Fiction) – eröffnet der englische Journalist Philip Hoare mit einem sehr persönlichen Eingeständnis: seinen ungeheuer plastisch beschriebenen Urängsten vor dem Meer und seiner undurchschaubaren Tiefe – ein mutiger und gelungener Einstieg.

„Erst nachdem wir die Erde von Raumschiffen im Weltall aus betrachtet hatten, wurde der erste frei schwimmende Wal unter Wasser fotografiert.“

Gerade weil die wissenschaftliche Erforschung des Wals noch so jung ist, zieht Hoare seine Geschichte der Cetaceen auf als Geschichten der Begegnung zwischen Wal und Mensch. Ein blutiges Erdenkapitel, da über Jahrhunderte fast ausschließlich über die menschliche Jagd nach Fleisch und Tran definiert.
Akribisch spürt Hoare den literarischen Niederschlägen dieser Begegnungen nach. Im Mittelpunkt steht selbstverständlich Melvilles „Moby Dick“ als Ariadnes Faden bei der Suche nach dem Leviathan, einer „Art Bibel, ein Buch, von dem man nur zwei Seiten am Stück las, ein transzendentaler Text. Wenn ich es lese, ist es immer wie zum ersten Mal. Beim U-Bahn-Fahren studiere ich meine Taschenbuchausgabe so konzentriert wie die verschleierte Frau neben mir ihren Koran“ (S. 51).

Hoare folgt Ismaels Spuren in New Bedford, er klappert alle wesentlichen Walfahrerhäfen Neuenglands ab, schlendert über den Strand von Cape Cod, an dem Henry David Thoreau strandenden Walen beim Sterben zugesehen hatte, er studiert die alten Stiche niederländischer Künstler, stapft durch Yorkshire auf der Suche nach einem Walgerippe, besucht selbst noch das kleinste Walfangmuseum und interviewt ehemalige Walfänger auf den Azoreninseln – eine ungeheure Materialfülle über die oft schmerzhafte Begegnung von Wal und Mensch, seinem Jäger.

Statt diese Vielfalt in der Besprechung nachzeichnen zu wollen, stellvertretend nur drei winzige Schlaglichter auf Details, die mich besonders beeindruckt haben:

– Vor der weitgehenden Ächtung des Walfangs wurden im 20. Jahrhundert Rinder mit Walfleisch gefüttert, ganz nach der kalten industriellen Logik, die noch kranke Schafe zu Futtermehl für Pflanzenfresser verarbeitete.

– In „ozeanisch“ ausgerichteten Ländern wie Großbritannien waren Walprodukte allgegenwärtig – kaum ein Bereich der Konsumwelt, der bis in die frühen 1970er nicht auf Walprodukte zurückgriff, von Bremsflüssigkeiten und Seifen über Fotofilme und Schreibmaschinenbänder bis zu den Mittagessen der Schulküchen und anderes mehr.

Ray Bradbury hatte den Roman „Moby Dick“ für die Erstellung des Drehbuchs neunmal gelesen, ein Skript von 1500 Seiten aufgesetzt, das er natürlich wieder einzudampfen hatte, und wäre über diese Arbeit (nachvollziehbarerweise) beinahe depressiv geworden.

Hoares Lust an der Materie ist zugleich seine Achillessehne, denn sie wird irgendwann des Lesers Last. Die Studie wird gar zu detailreich, zu weitschweifend, zu unsystematisch. Erleichtert – und dann bereits wieder gerührt – ist man, wenn Hoare am Ende vor den Azoren im tiefsten Atlantik frei mit den Pottwalen schwimmt: ein Zwerg unter Riesen in einem Meer weit wie das Weltall, die „zusammen schwammen, Auge an Auge, Flosse an Flosse. […] Ich hatte keine Angst mehr.“

Philip Hoare, LEVIATHAN oder Der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. (Originaltitel: Leviathan, or, The Whale, 2008.) 522 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen.  2013 mareverlag, Hamburg.

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7 Gedanken zu „Ismaels friedliebende Enkel – Philip Hoare, „LEVIATHAN oder Der Wal“

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