Kinderwelten

„Weißt du, was ein Tornado ist? Das ist ein ganz, ganz starker Sturm.“

„Nein, das stimmt nicht. Ein Tornado lebt in der Kanalisation und ist ein total gefährliches Tier.“

Vorsicht bitte beim Passieren von Gullydeckeln!

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Inspektor gibt’s kaan? Doch! − Gary Victor, „Schweinezeiten“

schweinezeiten„Ihr Gejammer interessiert mich nicht, Colin. Ich will verstehen.“

Dieuswalwe Azémar stolpert durch den Vorhof der Hölle. Die Tropensonne Haitis brennt ihm das Hirn heraus, den von Hunden und Schweinen freigelegten Gräbern entströmt Leichengeruch und unentwegt ruft der Geist des Zuckerrohrschnapses, den der Inspektor in rauen Mengen in sich hineinschüttet. So taumelt also der Polizist, munter wie ein frisch erweckter Zombie, hinter einer Frau her, die von einem Voodoomeister für 15 000 haitianische Gourdes die Seele ihrer Tochter zurückkaufen will. Wie zu erwarten, laufen die Verhandlungen in der Sumpfhütte aus dem Ruder, der Inspektor zieht seine Waffe und schießt die ganze Bande kurzerhand nieder. Nur einer entkommt, ein „Wesen, halb Spinne, halb Mensch“, zurück bleiben drei Leichen und der Ekel des Inspektors. Ekel vor seinem Leben aus Alkohol und gelegentlichen Nutten und Ekel vor diesem Land, das vor Korruption, Gier und Angst in die Knie, vor die Hunde geht. Ja, Inspektor Dieuswalwe Azémar, Alkoholiker und einer aus der einsamen Zahl der Unbestechlichen, ist es zum Kotzen, aber er bekommt nichts heraus und so knallt er eben Gauner ab.

„Heute hatte er die Leute in der Hütte nicht ertragen können. Diese Hütte war das Land im Kleinformat. Und er hatte geschossen. Das war eine Art, sich zu übergeben.“

Mit dieser Einleitung ist der Rahmen des Haitikrimis „Schweinezeiten“ − Gary Victor, einer der populärsten Schriftsteller der Insel, hatte ihn noch vor den katastrophalen Erdbeben 2010 verfasst − abgesteckt. Ein rasanter, schmaler Kriminalroman, von erfrischender Freiheit der Fantasie (später wird ein Werwolf in Schweinegestalt − ein Wereber, könnte man wohl sagen − eine zentrale Rolle spielen), der uns in halb verbittertem, halb komischem Tonfall in eines der ärmsten und zu oft vergessenen Länder der Welt führt. Erzählerisch und stilistisch mit ein wenig Luft nach oben, ist Gary Victors „Schweinezeiten“ ein schnelles, doch ungewöhnliches Leseabenteuer, in dem der moralische Zeigefinger gegenüber den gesellschaftlichen Gebrechen des Landes sich reibt mit der erstaunlich unreflektierten Ermächtigung des Protagonisten, alle, die ihm im Weg stehen, niederzuschießen. Vielleicht musste Gary Victor ja auch etwas auskotzen.

„Vergiss nicht: So etwas lebt von unserer Angst und unserer Unwissenheit.“

Und die Handlung? Kann man wunderbar knapp und bündig den Rezensionen von Danares.mag und KrimiLese entnehmen, denen ich für ihre Leseempfehlung herzlich danke.

Gary Victor, Schweinezeiten. Ein Voodoo-Krimi. Aus dem Französischen von Peter Trier. (Originaltitel: Saison de porcs, 2009.) Broschur, 130 Seiten.  litradukt: Trier 2013.

Schwabensturm und Frühlingsmilde

IMAG0811Hemdsärmelig warm scheint die Frühlingssonne über Stuttgart, an dieser Mauer des Unteren Kurparks aber tobt der Schwabensturm. So ganz scheinen sich diese beiden Begriffe ja nicht zusammenzufügen wollen, aber das sieht der Fanclub „Schwabensturm 2002“ augenscheinlich anders. Mitten im Bundesliga-Abstiegskampf des VfB fordern die besorgten Fußballfans auf ihrer Website, Gras zu fressen, und schmettern Kampfparolen wie „Alles für die erste Liga! Alles für Stuttgart!“. Das klingt für ein Leben außerhalb der Fankurve natürlich so eigenartig wie das Doppelwort an der Parkmauer. Die Sonne jedenfalls, unbeirrt, kost zärtlich weiter die Erde wach.

(Kurpark, Stuttgart-Bad Cannstatt)

Buch(messe)sorgen II

„Wissen Sie, was mich diesen Winter bey allen Widerwärtigkeiten, die mir zustoßen, tröstet? Daß ich kein Buch auf die Leipziger Messe fertig zu machen habe! Es ist sonderbar, in welchem Grade ich dies als eine Wohltat empfinde; oft – ich lüge nicht – bis zum Aufspringen für Freude.“

(Friedrich Heinrich Jacobi in einem Brief vom 23.12.1789)

Diese Sorge teilen vermutlich auch heute noch manche Autoren. Daneben gibt es natürlich noch Buch(messe)sorgen anderer Art. Interessanter sind aber meist doch die Buchmessefreuden. Viel Erfolg und Freude jedenfalls allen Messebesuchern in der kommenden Woche! Zeilentiger hingegen bleibt beim Kesselleben. Jacobi hätte sich gefreut.

Die Poesie einer Sandrose − Jamil Ahmad, „Der Weg des Falken“

9783455403947Ein Achtzigjähriger debütiert mit einem Roman, der fast 40 Jahre lang in der Schublade lag − und wird prompt für eine Reihe wichtiger Literaturpreise nominiert. Wer vor einem Jahr zum Erscheinen der deutschen Ausgabe von Jamil Ahmads „The Wandering Falcon“ die Feuilletons verfolgt hat, kennt die unglaubliche Geschichte vielleicht bereits.

Nicht nur diese Begebenheit aber klingt, als entspränge sie selbst literarischer Fiktion, das Leben des pakistanischen Autors böte manch weiteren Stoff für eine Geschichte: Ahmad, in Britisch-Indien geboren und seit 60 Jahren mit einer deutschen Frau verheiratet, erlebte als pakistanischer Botschaftsangehöriger die sowjetische Invasion in Afghanistan. Davor war er jahrelang als Staatsbeamter in den ungezähmten, gebirgigen Grenzprovinzen Pakistans tätig. Es sind genau jene Räume, an denen die Ansprüche moderner Staaten bis heute schmählich an uralten tribalistischen Strukturen scheitern, es sind die brandaktuellen Schauplätze des postmodernen Drohnenkriegs und eine Zerreißprobe für Pakistan, einer Atommacht am Abgrund zum failed state.

Diese Landschaft − von der wüstenhaften Provinz Belutschistan im Süden Pakistans bis zum Hindukusch im Norden −  ist der Schauplatz von Ahmads Roman. „In der Wirrnis von zerbröckelnden, schartigen und verwitterten Hügeln, in der sich die Grenzen des Irans, Pakistans und Afghanistans berühren“, so hebt der Roman an, beginnt die Geschichte von Tor Baz, dem Schwarzen Falken. Ein junges Liebespaar flieht durch das Ödland. In einer Gesellschaft, in der die Regeln so unbarmherzig sind wie die Wüstenberge unter dem Hundertzwanzig-Tage-Wind, ist die Tat der beiden jungen Leute absolut todeswürdig. Und natürlich scheitern sie, die Liebenden. Sie sterben auf grausamste Weise, ohne ein Wort der Klage, sofort zerstreiten sich die Rächer und weiteres Blut fließt −  in einer lakonischen Zwangsläufigkeit der Gewalt, wie sie einer isländischen Saga würdig wäre. Zurück bleibt ein kleiner Junge, Tor Baz (wie er später genannt werden wird), die Frucht der verbotenen Liebe.

Der Spähtrupp eines Nomadenstammes rettet den Jungen vor dem Verdursten. Es sind Rebellen im Ringen mit der Zentralmacht des jungen pakistanischen Staates. Das Kind reist mit diesen Männern und wird Zeuge ihres bitteren, fast absurd anmutenden Scheiterns gegen die bürokratischen Ansprüche eines modernen Staates gegenüber seinen Bürgern −  einer Welt, in der eine nomadische Kultur keinen Platz hat. Und so wird Tor Baz weitergereicht, der Junge wächst in einer Kaserne auf, wird von einem wandernden Mullah in Obhut genommen, geht schließlich seine eigenen Wege, ein Heimatloser im eigenen Land.

„Der Weg des Falken“ ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, sondern ein Reigen an Geschichten, Momentaufnahmen aus dem Leben Pakistans, in denen die Figur des Tor Baz als loses Bindeglied dient: Selbst in den ersten Kapiteln ist er nur eine beobachtende, eine ‚erleidende‘ Figur; später taucht er in manchen Szenarien nur am Rande auf, wie ein Wanderer, der kurz durch das Bild läuft. Der eigentliche Protagonist des Buches hingegen ist das Grenzland zwischen Afghanistan und Pakistan selbst, es sind die Stammesgebiete und ihre Menschen zwischen Grausamkeit und Würde. Ohne zu beschönigen, doch mit feiner Liebe beschreibt Ahmad die Menschen zwischen Stammesbräuchen und Staatsmacht, erzählt von Menschenhandel und Eheschicksalen, Entführungen und Stammesversammlungen, Edelsteinschürfern und Sherpas, Almosen und Verrat.

Nicht nur der Blick in eine uns verschlossene, scheinbar längst untergegangene und doch noch bis heute fortwirkende Welt macht die Kostbarkeit von Ahmads ‚Reigen‘ um den Schwarzen Falken aus, sondern auch seine eigentümliche Stilistik. Besonders die ersten beiden Kapitel sind in einer gleichermaßen poetischen und schlichten Sprache bis zur Perfektion ausgearbeitet, schön und erschreckend und schmerzhaft wie ein scharfkantiger Stein im Sonnenlicht. Später, wenn das Episodenhafte, Flüchtige stärker in den Vordergrund rückt, erinnert Ahmads Poesie eher an eine Sandrose, jenes merkwürdige Kristallgebilde aus der Wüste: eine arabeske Schönheit, von ganz leichter Hand zu unbarmherzigen Formen aufgetürmt. Jamil Ahmads Debüt ist ohne Frage eine Bereicherung für die Weltliteratur; man mag sich gar nicht vorstellen, wie wenig möglicherweise gefehlt hätte, dass das papierene Bündel in ein paar Jahren, nach dem Tod des Autors, unerkannt auf einer Mülldeponie gelandet wäre.

Jamil Ahmad, Der Weg des Falken. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. (Original: The Wandering Falcon, 2011). 186 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag oder als E-Book.  Hoffmann und Campe, Hamburg 2013.

P.S. Zeilentiger liest Kesselleben gibt es nun auch auf facebook – mit zusätzlichen Features wie Minirezensionen, Kürzestgeschichten, Veranstaltungshinweisen usw.

M

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S H I R T E steht da in metallenen Lettern auf dem Flohmarktboden. Wir bleiben stehen und bilden Worte aus den Buchstaben. Irgendwann gesellt sich der Verkäufer zu uns, freut sich über jede unserer Lösungen und erzählt, wie er einmal in Frankreich – „damals, als sie noch diese Währung hatten, die so wenig wert war“ – ein großes M auf einem Flohmarkt erworben hatte und sie die anderthalb Meter Metall auf das Dach des Polos gebunden hatten. Das M, erklärt Markus, stehe noch immer in seinem Garten, eingewuchert und längst nicht mehr in Gefahr, so nebenher mal geklaut zu werden.

Als uns keine neuen Kombinationen mehr einfallen, grinst Markus. „Das macht 8 Euro fürs Scrabbeln. Der Bär zahlt auch schon.“ Und dann, obwohl er an uns keinen Cent verdient hat, strahlt er zum Abschied: „Danke.“

(Flohmarkt auf dem Karlsplatz, Stuttgart-Mitte)