Die Poesie einer Sandrose − Jamil Ahmad, „Der Weg des Falken“

9783455403947Ein Achtzigjähriger debütiert mit einem Roman, der fast 40 Jahre lang in der Schublade lag − und wird prompt für eine Reihe wichtiger Literaturpreise nominiert. Wer vor einem Jahr zum Erscheinen der deutschen Ausgabe von Jamil Ahmads „The Wandering Falcon“ die Feuilletons verfolgt hat, kennt die unglaubliche Geschichte vielleicht bereits.

Nicht nur diese Begebenheit aber klingt, als entspränge sie selbst literarischer Fiktion, das Leben des pakistanischen Autors böte manch weiteren Stoff für eine Geschichte: Ahmad, in Britisch-Indien geboren und seit 60 Jahren mit einer deutschen Frau verheiratet, erlebte als pakistanischer Botschaftsangehöriger die sowjetische Invasion in Afghanistan. Davor war er jahrelang als Staatsbeamter in den ungezähmten, gebirgigen Grenzprovinzen Pakistans tätig. Es sind genau jene Räume, an denen die Ansprüche moderner Staaten bis heute schmählich an uralten tribalistischen Strukturen scheitern, es sind die brandaktuellen Schauplätze des postmodernen Drohnenkriegs und eine Zerreißprobe für Pakistan, einer Atommacht am Abgrund zum failed state.

Diese Landschaft − von der wüstenhaften Provinz Belutschistan im Süden Pakistans bis zum Hindukusch im Norden −  ist der Schauplatz von Ahmads Roman. „In der Wirrnis von zerbröckelnden, schartigen und verwitterten Hügeln, in der sich die Grenzen des Irans, Pakistans und Afghanistans berühren“, so hebt der Roman an, beginnt die Geschichte von Tor Baz, dem Schwarzen Falken. Ein junges Liebespaar flieht durch das Ödland. In einer Gesellschaft, in der die Regeln so unbarmherzig sind wie die Wüstenberge unter dem Hundertzwanzig-Tage-Wind, ist die Tat der beiden jungen Leute absolut todeswürdig. Und natürlich scheitern sie, die Liebenden. Sie sterben auf grausamste Weise, ohne ein Wort der Klage, sofort zerstreiten sich die Rächer und weiteres Blut fließt −  in einer lakonischen Zwangsläufigkeit der Gewalt, wie sie einer isländischen Saga würdig wäre. Zurück bleibt ein kleiner Junge, Tor Baz (wie er später genannt werden wird), die Frucht der verbotenen Liebe.

Der Spähtrupp eines Nomadenstammes rettet den Jungen vor dem Verdursten. Es sind Rebellen im Ringen mit der Zentralmacht des jungen pakistanischen Staates. Das Kind reist mit diesen Männern und wird Zeuge ihres bitteren, fast absurd anmutenden Scheiterns gegen die bürokratischen Ansprüche eines modernen Staates gegenüber seinen Bürgern −  einer Welt, in der eine nomadische Kultur keinen Platz hat. Und so wird Tor Baz weitergereicht, der Junge wächst in einer Kaserne auf, wird von einem wandernden Mullah in Obhut genommen, geht schließlich seine eigenen Wege, ein Heimatloser im eigenen Land.

„Der Weg des Falken“ ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, sondern ein Reigen an Geschichten, Momentaufnahmen aus dem Leben Pakistans, in denen die Figur des Tor Baz als loses Bindeglied dient: Selbst in den ersten Kapiteln ist er nur eine beobachtende, eine ‚erleidende‘ Figur; später taucht er in manchen Szenarien nur am Rande auf, wie ein Wanderer, der kurz durch das Bild läuft. Der eigentliche Protagonist des Buches hingegen ist das Grenzland zwischen Afghanistan und Pakistan selbst, es sind die Stammesgebiete und ihre Menschen zwischen Grausamkeit und Würde. Ohne zu beschönigen, doch mit feiner Liebe beschreibt Ahmad die Menschen zwischen Stammesbräuchen und Staatsmacht, erzählt von Menschenhandel und Eheschicksalen, Entführungen und Stammesversammlungen, Edelsteinschürfern und Sherpas, Almosen und Verrat.

Nicht nur der Blick in eine uns verschlossene, scheinbar längst untergegangene und doch noch bis heute fortwirkende Welt macht die Kostbarkeit von Ahmads ‚Reigen‘ um den Schwarzen Falken aus, sondern auch seine eigentümliche Stilistik. Besonders die ersten beiden Kapitel sind in einer gleichermaßen poetischen und schlichten Sprache bis zur Perfektion ausgearbeitet, schön und erschreckend und schmerzhaft wie ein scharfkantiger Stein im Sonnenlicht. Später, wenn das Episodenhafte, Flüchtige stärker in den Vordergrund rückt, erinnert Ahmads Poesie eher an eine Sandrose, jenes merkwürdige Kristallgebilde aus der Wüste: eine arabeske Schönheit, von ganz leichter Hand zu unbarmherzigen Formen aufgetürmt. Jamil Ahmads Debüt ist ohne Frage eine Bereicherung für die Weltliteratur; man mag sich gar nicht vorstellen, wie wenig möglicherweise gefehlt hätte, dass das papierene Bündel in ein paar Jahren, nach dem Tod des Autors, unerkannt auf einer Mülldeponie gelandet wäre.

Jamil Ahmad, Der Weg des Falken. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. (Original: The Wandering Falcon, 2011). 186 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag oder als E-Book.  Hoffmann und Campe, Hamburg 2013.

P.S. Zeilentiger liest Kesselleben gibt es nun auch auf facebook – mit zusätzlichen Features wie Minirezensionen, Kürzestgeschichten, Veranstaltungshinweisen usw.

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7 Gedanken zu „Die Poesie einer Sandrose − Jamil Ahmad, „Der Weg des Falken“

  1. Was für eine wunderbare Besprechung, und was für ein trauriges Thema. Mich lassen die Schicksale rund um die so genannten „failed states“ & was man damit assoziiert immer etwas sprachlos zurück (wie auch Deine Damaskus-Berichte). Das Buch kommt auf jeden Fall weit oben auf meine Leseliste. Vielen Dank, dass Du es vorgestellt hast, es wäre sonst komplett an mir vorbeigegangen…

    • Zuerst zum traurigen Teil: Ja, das eines von vielen Problemen auf unserer Welt, die mich ganz ratlos machen und für die ich leider keine große Hilfe bin. Was den anderen Teil betrifft, macht mich deine Rückmeldung – ich übertreibe nicht – glücklich. Denn ich hatte die letzten Wochen mit mir gerungen, den Buchteil komplett aus dem Blog zu werfen. Nun hat die Rezension mir selbst doch wieder Freude gemacht und umso schöner, wenn es nicht nur mir so geht. Vielen Dank zurück.

  2. Danke für den tollen Tipp. Ich war vor einigen Jahren mal in Pakistan auf einer Hochzeit eingeladen. Das zählt wohl zu meinen außergewöhnlichsten Erlebnissen. Aber seitdem lässt mich das Schicksal des Landes nicht mehr los. Es gibt so vieles, was wir hier im Westen nicht sehen und nicht verstehen. Liebe Grüße, Peggy

    • Was für ein schönes, besonderes Erlebnis! Meine „exotischste“ Hochzeit war in Moldawien, das ist doch – in vielerlei Hinsicht – sehr viel näher. Und leichter zu begreifen für uns. Herzliche Grüße, Holger

  3. Pingback: Sonntagsleserin KW #10 – 2014 | buchpost

  4. Bin gerade eben auf deine Besprechung gestoßen und tief berührt von deinen Worten.
    Thematisch ist „Der Weg des Falken“ tasächlich ein ganz besonderes Erlebnis, ein Blick in eine uns fremde archaische Welt.
    Sprachlich hätte ich es mir manchmal weniger spröde gewünscht. Nun bringst du den Vergleich mit der Sandrose in der Wüste und rückst damit für mich alles in ein ganz neues und außergewöhnliches Licht. Danke dafür, masuko

    • Danke sehr für diese schöne Rückmeldung! Sehr spannend finde ich auch dein Eindruck von spröde, da ich das selbst so gar nicht empfunden hatte. Es ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich Leseerfahrungen sein können.

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