Fluchgeister, Kurbaddamen

In die Arbeit versunken, könnte man das Krakeelen für Kinderschreie halten. Wer sich doch ablenken lässt, wird beim ersten Mal um Orientierung kämpfen. Zu hart, zu gellend sind die Schreie, um menschlich zu sein, sie ähneln überhaupts nichts, was man üblicherweise in Mitteleuropa zu hören bekommt. Und dann flattern ein paar leuchtend grüne Vögel quer durchs Bild und mit ihnen wandern die spitzen Rufe. Es sind Papageien in Bad Cannstatt – die einzige frei lebende Population an Gelbkopfamazonen außerhalb Amerikas.

Heute Morgen sitzen sie wieder zur Futtersuche versammelt in den kahlen Platanen, sie schreien im Dämmerlicht den Tag herbei, schreien gegen die frostige Kälte an. Wie Fluchgeister hallen ihre Rufe zwischen den Häuserschluchten, über den brummenden Motoren auf Teer, dem prasselnden Rollen von Gummi auf Kopfsteinpflaster. Ihr Grün ist noch kaum zu erahnen um diese Stunde, anders als das Rot und Weiß der Ziegelsteinwände und Jugendstilsimse links und rechts der über ein Jahrhundert alten Stuttgarter Fassaden. Hundert Jahre, so alt können auch diese Papageien werden. Mitte der Achtzigerjahre sind sie zum ersten Mal aufgetaucht in Stuttgart. Diese Krakeeler dort oben in den Ästen lärmen vielleicht noch, wenn ich längst nicht mehr bin.

Einer Krähe gegenüber reicht das Geschrei. Sie setzt einen dreifachen Ruf dagegen, ordinär, rau, gehässig. „Ruhe da drüben!“, wie ein aufgebrachter Nachbar, der sich in Unterhemd aus dem Dachfenster beugt und Worte nach den Grüngefiederten wirft. Die Papageien kümmern sich nicht darum, sie gellen weiter. Nicht mehr Fluchgeister des werdenden Tages scheinen sie mir. Sondern aufgeplusterte, dicke Kurbaddamen mit Sonnenschirm, die ihre bunten Sommerkleider raffen und beim Eintauchen ihrer Zehen in das Wasser spitze Schreie ausstoßen, wortreich, theatralisch, überzeichnet. Die Krähe hingegen ist, was sie ist.

Mehr über die Cannstatter Gelbkopfamazonen gibt es in der Stuttgarter Zeitung zu lesen.

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10 Gedanken zu „Fluchgeister, Kurbaddamen

  1. Also, ohne den Ruhm Stuttgarts schmälern zu wollen – bei uns in NRW, in Düsseldorf, Köln und Bonn, gibt es mittlerweile tausende der leuchtend grünen, ca. 40cm großen Exoten; es handelt sich um den Gelbhalssittich, eine stark invasive Papageienart mit immenser Lärmentwicklung. Als Krähe würde ich da auch blöd vorkommen…

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