Inselmonologe – Carola Saavedra, „Landschaft mit Dromedar“

9783406647093_cover_SaavedraÉrika, eine Künstlerin in ihrer ersten Lebenshälfte, flieht auf eine namenlose Atlantikinsel, mutmaßlich eine der Kanaren. Sie flieht vor einer Dreiecksbeziehung mit ihrem erfolgreicheren Künstlerkollegen und Liebhaber Alex und dessen Schülerin Karen. Oder besser gesagt, sie flieht vor dem Scheitern ebendieser Beziehung durch den Krebstod Karens. Das Sterben dieser jungen Frau hatte Érika noch kaltherzig zu verdrängen versucht. Der Tod und das Vakuum, das er nicht zuletzt in der Partnerschaft hinterließ, konnte sie nicht mehr verdrängen. In der relativen Zurückgezogenheit der Insel versucht die Künstlerin nun in imaginären Gesprächen mit Alex, brennende und zu lange unterdrückte Fragen für sich zu beantworten. Was als Kunstprojekt beginnt – Tonaufnahmen von Wellen, Wind, den Inselgeräuschen – gewinnt so schnell den Charakter einer Rechenschaft vor sich selbst, für die „Alex“ nur ein Spiegel darstellt. Es sind Fragen nach der Autonomie des Ichs; nach Érikas Selbstverständnis als Mensch, Frau, Partnerin und Künstlerin; nach ihrer Beziehung zu Alex; zum Wesen der Kunst und dem Schöpfungsprozess; zu Leben und Tod. Dass Érika ihre Aufnahmen, wiewohl bis zuletzt Alex immer angesprochen und ins Gespräch einbezogen wird, nie abschickt, ist da nur folgerichtig.

Diese in Schrift gegossene Tonaufnahmen geben dem Roman seine eigene Form. Die birgt allerdings, gleich in mehrfacher Hinsicht, auch Schwächen. Das beginnt auf der materiellen Ebene der Typographie. Dass Absätze, in denen nicht Érika spricht, sondern Hintergrundgeräusche zum Tragen kommen, in einer Grotesken gedruckt sind, die ästhetisch nicht mit der Grundschrift des Buches harmonisiert (und zudem noch in einer Graustufe gehalten ist), erscheint mir nicht nur als eine unnötige Spielerei, sondern als eine typographische Sünde. (Bin ich da Purist?) Ganz inkonsequent ist dabei auch, dass kurze Einsprengsel von Geräuschen und Handlungen im Hintergrund kursiv und in Klammern in die Grundschrift der Monologe eingebettet sind. Kursivierung wäre auch für die genannten Absätze die einfachere und naheliegendere Wahl gewesen.

Auch für den Erzählfluss erweisen sich diese Absätze als ein gescheitertes Experiment. Sie durchbrechen die Rede der Protagonistin, ohne im Gegenzug allerdings irgendetwas zu bieten. Oft genug erhält dieser vorgeblich dokumentarische Charakter daher eine gekünstelte, unglaubwürdige Note. Besser hätte die Autorin ganz darauf verzichtet.

Gerettet wäre der Roman damit allerdings nicht, denn die Schwächen – kommen wir über Umwege zu des Pudels Kern – betreffen auch die Monologe selbst. Hatte ich je zuvor ein Buch mit so vielen aneinandergereihten Fragen vor Augen? Fragen, die oft nur vordergründig tiefsinnig, eigentlich einfach banal sind und – das Todesurteil – nichts bewirken. Zwischen diesen Fragen und der Entwicklung der Protagonistin klafft eine Lücke auf und auch die Begegnungen mit Personen, die im Laufe des Romans neu ins Spiel kommen, tragen wenig zu einer organischen Entwicklung bei: Érikas Gastgeber, das Galeristenehepaar Vanessa und Bruno, die einheimische Haushälterin Pilar, der Arzt Adrian, der die Möglichkeit einer neuen Liebe, eines neuen Lebensentwurfes in den Raum stellt – sie wirken bisweilen wie in den Raum geworfen und so sind erscheinen auch Érikas Reaktionen. Die Entwicklung der Hauptfigur bleiben nur aneinandergereihte Etappen, es gelingt Saavedra nicht, sie zu einer glaubwürdigen Linie zusammenführen. Beim Lesen von „Landschaft mit Dromedar“ hat man eine Autorin vor Augen, die konstruiert – nicht eine Geschichte, die abläuft, die sich erzählt.

Carola Saavedra, 1973 in Santiago de Chile geboren und seit ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien verwurzelt, gehört zu den aufstrebenden jungen Autorinnen Brasiliens. Mehrfach wurde sie mit Preisen ausgezeichnet, so auch für ihren dritten Roman „Landschaft mit Dromedar“. Und das culturmag ist geradezu euphorisch über „die Entdeckung des Jahres“. Vielleicht habe ich ja etwas ganz Entscheidendes an diesem Roman nicht begriffen. Denn für mich war es das langweiligste, ja ärgerlichste Buch, das ich dieses Jahr bis zum Ende gelesen habe. Keine Entdeckung des Jahres, sondern ein großer Reinfall der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Und die Dromedare? Spielen nur eine Nebenrolle. Bleibt zu hoffen, dass sich C.H. Beck nicht inzwischen darauf versteift hat, Belletristik mit Kamelen als misslungenen Metaphern zu verlegen.

Carola Saavedra, Landschaft mit Dromedar. Roman. Aus dem Portugiesischen von Maria Hummitzsch. (Originaltitel: Paisagem com dromedário, 2010). 174 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag oder als E-Book. © C.H. Beck, München 2013.

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10 Gedanken zu „Inselmonologe – Carola Saavedra, „Landschaft mit Dromedar“

  1. Tja, das klingt ja nach so ’nem richtig schönen Frauenroman. 🙂 Aber sehr, sehr schade – gerade das Dromedar im Titel hat schon öfter meine Aufmerksamkeit geweckt. Diese typographischen Spielereien in Romanen finde ich meistens auch sehr lästig. Aber nun auf zu neuen Ufern: Ana Paula Maia wartet! 🙂

  2. Tja, leider habe ich auch schon einige Male Bücher von „jungen, aufstrebenden Autorinnen“, die überschwänglich gelobt und mit Preisen bedacht worden sind, zu lesen versucht. Wohlgemerkt: VERSUCHT.
    LG von Rosie

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