Löffelbieger in der Pampa – Juan José Saer, „Die Gelegenheit“

9783803126382_SaerWenn nur die Positivisten nicht wären! Vor den Angriffen der Pariser Wissenschaft entflieht der berühmte Bühnenzauberer und Gedankenleser Bianco Mitte des 19. Jahrhunderts nach Argentinien. Wie er auf Europas Bühnen mit der Kraft seines Willens Löffel verbog, so schafft sich Bianco nun zielstrebig eine neue Existenz im argentinischen Hinterland – ein Triumph des Geistes über die Materie. Doch eines entzieht sich Biancos Beherrschung: Hat seine Frau eine Affäre mit seinem besten Freund? Wer ist wirklich der Vater seines ungeborenen Kindes? Die Eifersucht zehrt Bianco auf, völlig hilflos sieht er sich seiner ungreifbaren Ehefrau gegenüber und das Ungeborene wird zum Schreckbild der Ungewissheit und der Unbezähmbarkeit der Welt – einer Verschwörung der Materie gegen Biancos Geistesmacht.

Juan José Saer, 1937 als Sohn syrischer Einwanderer in der argentinischen Provinz geboren und 2005 im französischen Exil gestorben, gilt als postmoderner Erbe des großen Borges und ist – anders als der blinde Bibliothekar – ein Musterbeispiel für jene sprachliche Unbarmherzigkeit, die vielen Lateinamerikanern und (wie mir scheint) ganz besonders den jüngeren argentinischen Generationen zu eigen ist. Saers Roman biedert sich, obgleich von überschaubarer Länge, nicht als schnelle Lektüre an. Er zwingt dem Leser den Rhythmus der Pampa auf, eines beharrlichen, ruhigen Rittes. Die Eindrücke der Krisen (im ursprünglichen Wortsinne) sind dafür umso mächtiger.

Wagenbach – der „Verlag für wilde Leser“ – wagte anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2010 (Gastland Argentinien) eine kleine Taschenbuchreihe „Argentinien bei Wagenbach“ – Lizenzausgaben in auffallend hübschen, bunten Umschlägen. Ein gelungener Blickfang und wahrlich eine Gelegenheit.

Juan José Saer, Die Gelegenheit. Roman. Aus dem argentinischen Spanisch von Erich Hackl. (Originaltitel: La ocasión, 1988, deutsche Erstausgabe 1992 im Piper Verlag). 208 Seiten, Broschur. © für diese Ausgabe Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010.

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14 Gedanken zu „Löffelbieger in der Pampa – Juan José Saer, „Die Gelegenheit“

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      • Aira ist ja so ein Fall für sich. Er schreibt in einem sehr knappen Stil, die Bücher sind auch nicht sehr dick, also keine Romane, in die man sich „hineinfallen lassen kann“. Aber er hat tolle Einfälle und erzählt sehr ungewöhnliche Geschichten, manchmal mit Elementen des magischen Realismus. „Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo“ hat mir gut gefallen.
        Herzlich
        Tobias

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