Junges Blut, reifer Tag

Der Abend taucht, scheint es, selbst die Blutspendezentrale in Milde. Draußen dunkelt der Herbst, drinnen ist nichts zu spüren von der Hektik, die hier morgens herrscht, nichts von der Unrast des jungen Tages, der noch so viel will, so viel muss, nichts von der unterschwelligen Aggressivität einer Schwester, die aus der Nachtschicht noch übrig geblieben ist. Noch sind die Warteplätze im Gang belegt, aber die Schwestern wissen, der Spenderstrom wird für heute bald versiegen. Eine Gelassenheit liegt in ihren Gesichtern, ein letzter Lichtschimmer glüht am wolkigen Horizont. Und die jungen Männer auf den Liegen scherzen mit den nicht mehr ganz so jungen Schwestern.

Ein Mann hat seine kleine Tochter dabei. Während das Blut aus seiner Vene pumpt, kuschelt sie sich, einen Plüschhund in den Armen, zwischen den Beinen ihres Vaters. Sein linkes Knie ist etwas angezogen, zu einer Bucht geformt, das Kind schmiegt seinen Rücken in die Beuge des Beins. Eine Schwester setzt sich neben die beiden, die Erwachsenen beginnen eine Unterhaltung, über den Familienalltag, über das geduldige Mädchen. Sie lachen, der Mann zieht seine Linke hinter dem Kopf hervor und streicht dem Mädchen zärtlich übers Haar.

Als der Blutbeutel gefüllt ist, dreht sich die Tochter herum und beugt sich nach vorne. Ganz genau mustert sie, was da mit dem Arm ihres Vaters passiert: Schlauch abgeklemmt, Nadel herausgezogen, Pflaster aufgedrückt. Scheu zeigt sie keine, nicht die Nadel, noch das Blut machen sie nervös. Sie beugt sich noch weiter vor, ihre Hose rutscht ihr halb übers bloße Gesäß herab, sie merkt es nicht einmal vor Neugier.

Der Mann lässt sich Zeit. In aller Ruhe presst er das Pflaster in seine Ellbeuge, er spricht mit der Tochter, er spricht mit der Schwester. Den Bon für die Aufwandsentschädigung darf die Kleine in Gewahrsam nehmen. „Aber nicht knicken!“, ruft der Vater, als sie nach dem Zettel schnappt. Sie mustert die ihr unverständlichen Zeichen auf dem Stück Papier und fragt ihren Vater nach deren Sinn. Er liest ihr laut vor. Das Mädchen, aufgerichtet, eine Hand auf den Hund, die andere auf das Bein des Mannes gestützt, lauscht hellwach. Märchenstunde in der Blutspendezentrale. Die Schwestern sind entzückt.

Meine Nummer wird aufgerufen. Als ich mich auf meiner Liege ausstrecke und den Hemdsärmel hochkremple, fühle ich mich zum ersten Mal an diesem Tag entspannt. Für einen Augenblick schließe ich die Augen. Ich höre die Stimmen des Vaters und seiner Tochter gegenüber, warte auf die Nadel und lächle.

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3 Gedanken zu „Junges Blut, reifer Tag

  1. Erst nur flugs quergelesen, dann hie und da festgelesen und fester und fester, bleibt mir jetzt nur, Ihre Fährte aufzunehmen, um solche Wortsilbensatzperlen in Zukunft nicht mehr zu verpassen. Sie schreiben bonfortionös lebendig. Herzlichst, Käthe Knobloch, bitte mit o.

    • Das, verehrte Käthe Knobloch (das O will ich gebührend berücksichtigen), erfreut mich außerordentlich. Danke für das Spuraufnehmen. Ich werde es ebenso tun. Und schiebe derweil vorsichtig das Wort „bonfortionös“ mit der Zunge von links nach rechts und zurück wie eine nie gekostete exotische Delikatesse. Herzliche Grüße

      • Dankefein, Herr Zeilentiger. Neue, fabulöse Schreiber zu entdecken, ist immer ein Vergnügen. Ich teile gerne jedwede Bonfortionösität mit allen, die es zu schätzen wissen. So wie Sie. Hach, was freue ich mich. Herzlichst, Käthe.

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