Helle Wohnung, gute Verkehrsanbindung

Taube auf Ampel

2012 galt Stuttgart als die Stadt mit den dritthöchsten Mietpreisen Deutschlands. Die Lage hat sich nicht entspannt – das würde wohl auch diese Taube bestätigen über der Kreuzung Rotebühlstraße/Silberburgstraße, Stuttgart-West.

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Der Finger, der verwundet und verzaubert zugleich – „Die Möbius Affäre“

Ein monumentaler Kameraschwenk über die Steilklippen hinab auf Monaco zu schicksalsschweren Chorgesängen, hinein in das Großraumbüro einer Bank, in dem die coole Brokerin den Chef mit ihrem jüngsten Aktiencoup vorführt (Einführung Protagonistin 1), und ein Schnitt hinüber in ein anonymes Apartement, in dem der russische Top-Agent eine Mitarbeiterin psychologisch für ihren nächsten Einsatz drillt (Einführung Protagonist 2) – der Film will Großes, das spürt man sofort, und wirkt in den ersten Minuten doch etwas spröde, beinahe verunsichert, als wüsste er selbst, dass er mit den großen Agentenfilmen Hollywoods nicht wird gleichziehen können.

Dann aber besinnt sich der französische Agententhriller „Die Möbius Affäre“ (Kinostart 1.8.) auf seine eigenen Qualitäten und spielt sich auf umwerfende Weise frei. Das liegt nicht am Plot. Der ist komplex, um nicht zu sagen verwirrend. Auf zwei Sätze heruntergebrochen: Die Bankerin Alice Redmond (Cécile de France) betreut in Monaco das Vermögen des Oligarchen Ivan Rostovski (Tim Roth) und wird gleichermaßen vom CIA und dem russischen Geheimdienst FSB umworben. Ein doppelbödiges Verwirrspiel aus Hochfinanz, Geheimdienst und politischer Intrige beginnt und wird zur Bühne eines verhängnisvollen Liebesreigens zwischen Alice und Gregori Ljubov (Jean Dujardin), dem Leiter des russischen Agententeams.

Was den Film auszeichnet, ist seine in aller Ruhe ausgearbeitete Präsenz und Intensität, es sind die (nach den Anfangsschwierigkeiten) herrlich zwingenden, geschliffenen Dialoge; ein gekonnt langsames Erzähltempo, in dem sich nur ein einziges Mal die Gewalt wirklich körperlich manifestiert und die Normalität umso erschreckender durchbricht; es ist die Sorgfalt gegenüber den kleinen Gesten, besonders den Blicken: Blicke, die forschen, zögern, verschleiern, flackern, brennen, Blicke voller Einsamkeit und Hingabe; es ist auch ein szenisch eindrucksvoll eingebundener Sound, von der Barmusik bis zum Babygeschrei irgendwo in der trostlosen Weite der Mietskaserne.

Am dichtesten zeigt sich diese Intensität in der Begegnung der beiden Protagonisten Alice und Gregori, die in einer Welt der Lüge ihre Liebe zu leben suchen – eine Ehrlichkeit und ein Begehren, bei dem es hörbar knistert auf der Leinwand, und die in einer minutenlangen, wunderschönen Liebesszene einen Höhepunkt erreicht, in dem noch die Einstellung auf ein zitterndes Augenlid, die Schutz schenkenden Arme pure Erotik sind.

Natürlich können diese beiden Liebenden nur verlieren, was umso tragischer ist, weil sie, die sich Halt zu geben versuchen in einer schwindelerregenden Welt, einander in einem unbeabsichtigen Doppelspiel selbst zu Fall bringen.

Ein in seiner Ruhe durchwegs spannender (und anders als der steintrockene „Dame, König, As, Spion“ sehr sinnliche) Agentenfilm, der kaum etwas mit einem James Bond oder Jason Bourne zu tun hat, und zugleich ein ergreifendes Liebesdrama, ein Film bester französischer Kinotradition. Wer sich auf „Die Möbius Affäre“ einlässt, tritt als anderer Mensch aus dem Kinosaal und bleibt im besten Fall auch noch Stunden später verwandelt. Wie berührt von einem Finger, der verwundet und verzaubert zugleich.

Die Möbius-Affäre“ (Original: „Möbius“). Regie: Eric Rochant. Mit Jean Dujardin, Cécile de France, Tim Roth. 103 min. 2013.

Juan Gabriel Vásquez, „Die geheime Geschichte Costaguanas“

Projekt1Was haben der Panamakanal und der Romancier Joseph Conrad gemeinsam? Und was tiefgekühlte malariatote Eisenbahnarbeiter in den Obduktionssälen kolumbianischer Universitäten mit dem größten Finanzskandal Frankreichs im 19. Jahrhundert?

Mit viel Ironie verflicht der Erzähler José Altamirano die Wirren der kolumbianisch-panamaischen Geschichte und dieTragödien um den Kanalbau mit seinem eigenen Schicksal sowie dem des fernen Schriftstellers Joseph Conrad, den Altamirano kühn als Gegenpart seiner eigenen Existenz entwirft und sich an seinem „Schicksalsbruder“ abarbeitet.

Ein spritziges, an manchen Stellen stilistisch brillantes Buch, so der erste Eindruck, aber leider verliert die selbstironische große Geste irgendwann an Schwung und wird zur hohlen Phrase. Da geht es dem Autor Juan Gabriel Vásquez genau wie den französischen Kanalbauern, über die er schreibt: Mit kühnen Spatenstichen geht es an ein großes Werk, lange Meilen werden im Triumph genommen, bis die Kräfte langsam erlahmen und am Ende das ganze Unternehmen im braunen Schlamm Panamas steckenbleibt.

Den Kanal haben dann die Gringos aus den USA fertiggestellt (und dabei Panama zur staatlichen Unabhängigkeit von Kolumbien verholfen) – aber wer hilft „Der geheimen Geschichte Costaguanas“ wieder auf die Beine?

Juan Gabriel Vásquez: Die geheime Geschichte Costaguanas. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. (Originaltitel: Historia secreta de Costaguana, 2007). Gebunden mit Schutzumschlag. 336 Seiten. © Schöffling & Co. Frankfurt am Main 2011.