Eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur? – Wsewolod Petrow, „Die Manon Lescaut von Turdej“

„Aber mein Gott, was ist denn so schlimm daran. Ich sage Ihnen doch: Sie interessiert mich rein literarisch“, sagte ich.

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Die Erzählung mit dem schwergängigen Titel „Die Manon Lescaut von Turdej“ kann auf eine ungewöhnliche Lebensgeschichte zurückschauen: Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst, blieb sie 60 Jahre lang unveröffentlicht und kursierte nur in der intellektuellen Szene Sankt Petersburgs (der Autor las jahrelang zu seinem Geburtstag den illustren Gästen daraus vor). Erst 2006 wurde der Text abgedruckt, in der Zeitschrift „Nowyj mir“, und offenbar in der russischen Literaturszene als eine kleine Sensation gefeiert. 2012 folgte eine deutsche Ausgabe – und, so muss man es wohl verstehen, die erste Buchausgabe dieser Novelle überhaupt.

Auf dieses Wagnis hat sich der kleine Bonner Verlag Weidle für Literatur und Kunst eingelassen und inzwischen bereits die dritte (gar vierte?) Auflage der „Manon Lescaut“  vorgelegt: Den Umschlag der dünnen, hübschen Broschur dominiert eine vage beunruhigende Schwarzweißfotografie: ein Paar, mehrere Generationen vor unserer Zeit abgelichtet, das fast vollständig in Schwarz- und Grautönen versinkt und nur im oberen Drittel der Umschlagseite überhaupt zu erkennen ist. Es lacht und trotzdem liegt über der Szenerie eine Aura von Entschwinden, von verletzlicher Vergänglichkeit, von Bedrohtheit, wenn nicht Bedrohlichkeit.

Als „hinreißende […] Liebesgeschichte“ und eine „der schönsten Prosatexte der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ preisen die Herausgeber die Erzählung über diese russische Manon Lescaut (nach einer verführerischen Frauenfigur aus einem Roman Abbé Prévosts im 18. Jahrhundert, die mehrere Opern – darunter von Puccini – anregte). Mit einer Mischung aus Neugier und Verhaltenheit schlägt der Leser das Büchlein auf …

Es ist Krieg. Ein Spitalzug mit Offizieren und Ärztinnen, Krankenschwestern und Apothekern rollt durch die Weiten Russlands, irrt von Bahnhof zu Bahnhof. Der Krieg selbst (unausgesprochen der Zweite Weltkrieg) bleibt undeutlich, eine kaum greifbare Kulisse, die vom namenlosen „Feind“ zerstörten Bahnhöfe sind kaum mehr als ein Teil der leeren, öden Landschaft. Das Augenmerk liegt auf den Zugreisenden, die auf Pritschen in den Eisenbahnwaggons zusammengepfercht sind und ein kleines Panorama der sowjetischen Gesellschaft abbilden. (Aber auch hier hält sich die Geschichte zurück, sie reduziert die Wirklichkeit und verweigert sich gleichzeitig dem – auf seine Weise ja ebenfalls reduzierten – idealtypischen „sozialistischen Realismus“).

Der Protagonist, ein Ich-Erzähler, erweist sich als ein feinsinniger Offizier und ein Überbleibsel der vorsowjetischen Kultur. Vor der Hässlichkeit der Gegenwart zieht er sich in die Lektüre von Goethes „Werther“ zurück (natürlich im Original und damit pikanterweise in der Sprache des faschistischen Erzfeindes, der das Land verheert) oder flüchtet sich in Anfälle von Atemnot. Lässt dieser Beobachter sich auf Menschen ein, so sind es Gespräche mit seinen Nachbarn aus der oberen Pritschenetage, der klugen Ärztin Nina oder dem ritterlichen Kollegen Aslamasjan, während unten die Krankenschwestern toben, „einfache Mädchen“, lautstark, spottlustig, lebensfroh.

Und dann verliebt sich der Erzähler in Vera, die flatterhafteste der jungen Frauen, die lieber Schauspielerin geworden wäre. Unrast ist ihr Wesensmerkmal, von leichter Hand gibt sie sich einer Liebschaft nach der anderen hin. Der Offizier verehrt sie zuerst aus der Ferne, er stilisiert sie zu seiner Manon Lescaut, zu einer Kunstfigur, „aus dem Stamm der flammenden Menschen, die außerhalb der Form leben“. Vera ist fasziniert von seiner Verehrung, ohne vom Schmetterlingsflug ihres Lebens zu lassen. Und doch reift zwischen beiden, die jeweils auf ihre Weise unfähig scheinen zu einer tieferen Bindung, eine Liebe heran. Es muss kaum noch erwähnt werden, dass diese leidenschaftliche Hingabe zum Scheitern verurteilt ist und ein tragisches Ende finden wird …

Nein, als Liebesgeschichte ist Petrows „Manon Lescaut“ nicht wunderschön, sondern irritierend gekünstelt. Sie hat etwas von Anfang an Unwirkliches, Unwahrscheinliches und der Leser leidet weniger mit dem unglücklichen Liebespaar als an der Tatsache, dass der Erzähler absolut konsequent jede Annäherung an die Ärztin Nina, die ihm in jeglicher Hinsicht ein ebenbürtiger Partner sein könnte, verweigert. Reizvoll wird die Novelle (neben den psychologischen Momenten der Angst) just dort, wo der Erzähler im Dialog mit der Ärztin zur Reflexion, zur Stellungnahme geradezu gezwungen wird. Das sind die einprägsamen Momente dieser unmöglichen Liebesgeschichte in einer unmöglichen Zeit.

Und in einem zweiten Punkt muss dem Nachwortschreiber widersprochen werden, wenn er nämlich sagt, um diese Novelle „mit Vergnügen und Mitgefühl zu lesen, braucht man so gut wie keine Vorkenntnisse in der Geschichte russischen und der Weltliteratur.“ Im Gegenteil: Erst die Handreichung im Nachwort macht die „Manon Lescaut von Turdej“ wirklich interessant.

Und der Erzähler? Er empfindet mitten im Schrecken ein eigentümliches tiefes Glück, als er für einen Moment zu einem klassischen, formvollendeten Ideal findet: „Die Sonne – höchste Entfaltung und höchster Triumph der Form. Vom hohen Ufer des Sosna-Flusses sah ich die Pfade, Felder und Senken, über die ich in der Nacht geirrt war.“ Wer weiß, vielleicht spricht hier der Autor, Spross einer früheren Adelsfamilie und angesehener Kunsthistoriker, der mit der „Manon Lescaut“ sein einziges erzählerisches Werk vorgelegt hatte.

Wsewolod Petrow, Die Manon Lescaut von Turdej. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Stellenkommentar von Olga Martynova. Nachwort von Oleg Jurjew. Broschur, 124 Seiten. © 2012 Weidle Verlag Bonn.

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4 Gedanken zu „Eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur? – Wsewolod Petrow, „Die Manon Lescaut von Turdej“

    • Ergänzung: Ich muss meinen Kommentar doch näher ausführen – zustimmen insofern, als ich die Novelle ebenfalls sehr „reizvoll“ und lesenswert fand. Als irritierend gekünstelt emfpand ich die Liebesgeschichte nicht. LG Birgit

  1. Auch wenn es mir nur mit gewissen Einschränkungen gefallen hat: Ich freue mich trotzdem sehr, dieses Buch im Regal stehen zu haben. Schön in diesem Zusammenhang, dass es noch immer stationären Buchhandel mit ausgesuchtem Sortiment gibt, ohne den ich dieses Büchlein (trotz SZ-Rezension) nicht gekauft hätte – in diesem Fall die Buchhandlung am Gasteig in München. Was für eine spannende Buchauslage!

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