Die Leichen der Seine – Richard Cobb: „Tod in Paris“

9783608946949_CobbWarum töteten sich Frauen im Paris der Revolutionsjahre am häufigsten an einem Sonntag (gefolgt von einem Mittwoch), Männer hingegen montags oder freitags?

Das ist nur eine von vielen Fragen, die der Historiker Richard Cobb (1917–1996) in seinem Buch „Death in Paris“ (1978), bei Klett-Cotta 2011 als erste deutsche Übersetzung eines Werkes von Cobb überhaupt erschienen, aufwirft.

Ausgangspunkt des fleißigen Archivarbeiters und Professors für Neuere Geschichte in Oxford für seine Studie über den Tod in Paris war ein einziger Aktenbehälter aus dem Archivbestand der Pariser Friedensgerichte mit dem Titel Basse-Geôle de la Seine, procès-verbaux de mort violente (ans III–IX) – „Leichenschauhaus der Seine, Untersuchungsberichte nicht natürlicher Todesfälle, Jahre III–IX“ des Französischen Revolutionskalenders, also 1795–1801 nach christlicher Zeitrechnung.

404 Todesfälle finden in diesen Akten ihren Niederschlag: Selbstmorde, Unfälle, Morde (überraschend wenige, neun von 404), auch ein paar natürliche Todesfälle, die aus irgendeinem Grund ihren Platz unter den gewaltsamen Toden fanden. Die deutliche Mehrheit bildeten Ertrunkene – Suizide (für weite Bevölkerungsschichten war der qualvolle Ertrinkungstod tatsächlich der mit Abstand „einfachste“ und verbreitetste Freitod, lernt man aus Cobbs Untersuchung) und Unfälle (schließlich konnten viele Menschen nicht schwimmen): Ladearbeiter, die den Halt verloren; junge Burschen, die an den steilen Pferdetränken ausrutschten; Kinder, die sich im Sommer beim Planschen zu tief in den Fluss gewagt hatten.

Angelegt wurden die Akten von einem Friedensrichter und seinen zwei Gehilfen, den concierges:

„Eine der Aufgaben des Friedensrichters der Division du Muséum war die Protokollierung von Todesfällen durch Gewalteinwirkung in seinem Abschnitt der Seine und der angrenzenden Ufergebiete. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Identifizierung. Ein nicht identifizierter Toter […] war eine diffuse Bedrohung für die société policée, die polizeilich überwachte Gesellschaft, der sehr daran gelegen war, über alle lebenden und gerade verschiedenen Bürger genauestens Buch zu führen.“ (S. 57)

Die Aktenaufzeichnungen sind knapp und nüchtern gehalten. Auffällig dabei ist, wie penibel körperliche Merkmale und die Kleidung der Toten beschrieben werden. Diese Beschreibung erlaubte bzw. erleichterte oftmals die Identifizierung durch die Hinterbliebenen: Verwandte, Nachbarn, Kollegen, Zimmergenossen in den ärmlichen Logierhäusern und andere répondants. Die erstaunliche Menge an Kleidung, die bei vielen der ärmeren (aber nicht allerärmsten) Toten zusammenkam, erklärt sich aus einem heute fast unvorstellbaren Umstand: Viele trugen ihre gesamte Garderobe am Leib, Schicht über Schicht und Tag für Tag, bei der Arbeit, im Hochsommer, manchmal selbst im Schlaf – um sie so in den schrank- und schlosslosen Gemeinschaftszimmern vor dem Diebstahl durch Mitbewohner oder Eindringlinge zu schützen.

Über diese äußerlichen Merkmale sowie kurze Notizen zur Identität der Person und den Todesumständen hinaus (erstaunlich, die meisten Toten wurden identifiziert) bleiben die Berichte sehr sparsam. Die Motive bei Suizid (oder Mord) oder Tröstung der Hinterbliebenen kümmerte den Friedensrichter und seine Gehilfen offensichtlich nicht – sie waren weder Polizisten noch Seelsorger. Ihre Aufgabe war einzig die Identifizierung und „Abwicklung“ des Toten.

Trotz der knappen Angaben in den Akten gelingt es Cobb, den Toten ein Gesicht zu geben: sie zu Individuen zu machen mit einer eigenen Biographie, einer eigenen Tragik – und über diese Einzelschicksale ein Bild der Gesellschaft, aus der sie der Tod herausriss, zu entfalten. Für dieses Gesellschaftsgemälde greift der Historiker auch auf andere Quellen zurück, nicht zuletzt auf das voluminöse Werk des großen Pariser Voyeurs und Chronisten der Nacht Nicolas Edme Restif de la Bretonne.

Genau hier setzt allerdings auch der Kritikpunkt an „Tod in Paris“ an. Cobb interpretiert sehr frei, vieles ist aus seinen Quellen nicht zu belegen, er lässt der Vorstellungskraft weiten Raum – ja, er fabuliert. Und das leider nicht widerspruchsfrei, nicht überzeugend genug, um seine Imagination als Brückenschlag zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtserzählung würdigen zu wollen. (Vielleicht ist es gar nicht so erstaunlich, dass Cobb, der immerhin als einer der wichtigsten britischen Frankreichhistoriker gilt, nach diesem Buch keine weiteren historischen Arbeiten mehr schrieb, sondern sich ganz dem autobiographischen Schreiben zuwandte.)

Nichtsdestotrotz, „Tod in Paris“ ist eine faszinierende Spurensuche, bei der immer wieder erstaunliche Fragen und Antworten aufgedeckt werden. Schön, dass der Verlag Klett-Cotta – der sich in den letzten Jahren ja auch zunehmend der Tradierung der auch heute noch spannenden französischen Historikerschule der École des Annales verschreibt – das Wagnis einging, ein solches Werk eine Generation nach Erscheinen ins Deutsche zu übertragen. Auffallend im Übrigen die Ausstattung: in ein optisch wie haptisch ansprechendes grobes Leinen gebunden, mit Prägung und zusätzlich montierten Schildchen auf den beiden Umschlagseiten präsentiert sich das handliche Kleinformat als ein Schmuckstück.

Richard Cobb: Tod in Paris. Die Leichen der Seine 1975–1801. Übersetzt von Gabriele Gockel und Thomas Wollermann, Kollektiv Druck-Reif. Mit einem Vorwort von Patrick Bahners. (Originaltitel: Death in Paris, 1978). Leinen. 199 Seiten. © 2011 J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart.

Advertisements

4 Gedanken zu „Die Leichen der Seine – Richard Cobb: „Tod in Paris“

  1. Pingback: Death in the Seine {Peter Greenaway, 1988} | Stubenhockerei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s