Freiheit

An einem Sonntagmorgen um Viertel vor Neun schaukeln zwei junge Leute auf dem Spielplatz. Die beiden, eine junge Frau in Sommerkleid und ein junger Mann mit Schirmmütze und Dreitagebart, schwingen isochron: gleichförmig und versetzt, sie voran, er zurück, er voran, sie zurück, schwerelos wie zwei Pendel in einem Uhrwerk frei von einem Zifferblatt, die Straßen drumherum sind noch fast leer.

Wie kommen sie an diesem Sommermorgen auf die Schaukeln? Sind sie auf dem Rückweg von einer Party und verlängern die Ausgelassenheit der Nacht noch um ein paar Minuten? Hat eine bewusste Entscheidung sie hierhergeführt, um so den strahlenden Tag zu beginnen, oder sie eine spontane Anwandlung beim Vorübergehen auf den Spielplatz gelockt?

Unbekümmert schwingen sie in den Julimorgen, einen Tag hell und warm wie die letzten, nach einer Nacht, in der man mit einem Lächeln die Balkontüre offenlässt und sich ausmalt, es könnte für immer so weitergehen. Und plötzlich wünsche ich mich zurück (was selten passiert) in Kinderzeiten, als zu Beginn der großen Ferien das nächste Schuljahr in unbegreifbar weiter Ferne lag und der Sommer tatsächlich unendlich schien.

Eine halbe Stunde später sind die Schaukeln leer, der sandige Spielplatz liegt verlassen da, alles ist still und regungslos. Oder doch nicht? Ich halte inne und schaue genauer. Ganz leicht schwingen die Schaukeln noch. Angetrieben von der sanften Brise? Oder ein Nachhall der beiden jungen Leute in ihrem Augenblick vollkommener Freiheit?

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