Die Last der Entscheidungen – Nick Dybek: „Der Himmel über Greene Harbor“

Dybek_Cover„Loyalty Island – das war der Gestank von Hering, Lackfarbe und fauligem Seetang an Anlegestellen und auf Stränden.“ Die Menschen an diesem abgelegenen Stück Pazifikküste im Nordwesten der USA stehen im Bann der Naturgewalten und alter, patriarchalischer Traditionen. Im Herbst ziehen die Männer aufs Meer, Tausende Kilometer weit in die stürmische Beringsee, um sechs Monate lang Krabben zu fischen, während Frauen und Kinder im Dauerregen von Greene Harbor zurückbleiben. Alles, was diese Gesellschaft trägt – die Krabbenkutter, das Kühlhaus und nicht zuletzt die teuren Fanglizenzen – liegt in der Hand eines Mannes, John Gaunt, dem Nachkommen des fast schon mythologisch verehrten Stadtgründers.

Hier wächst der Erzähler Cal in den 1980er-Jahren auf, zwischen seiner kultivierten, einsamen Mutter, die sich in ihrer Sehnsucht nach der kalifornischen Heimat nächtelang in ihr Kellerstudio zurückzieht, und dem abwesenden Vater, dem „Mann mit der sanften Stimme und der seltsamen Narbe an der Oberlippe“. Ein einzelnes Ereignis bringt diese ganze Welt ins Wanken: John Gaunt stirbt, und sein Sohn Richard, ein unglücklicher, zynischer junger Mann („er war weg“ war alles, was die Leute über ihn wussten), ist der Stadt entfremdet und stand selbst nie auf einem Krabbenkutter. Was wird der Erbe tun? Wird er tatsächlich die Fanglizenzen an japanische Konkurrenten verkaufen? Wie wird es mit Greene Harbor weitergehen?

Ein ungesundes Warten beginnt und Angst liegt in der Luft, Angst vor dem Entschluss, und unter dieser Spannung werden zugleich die Bruchlinien im Mikrokosmos von Cals Familie schonungslos bloßgelegt. Dann fällt das Damoklesschwert, die Fangflotte läuft trotzdem aus und Richard ist verschwunden. Und während Cals Mutter nach Kalifornien entflieht, befällt den zurückgelassenen Vierzehnjährigen der furchtbare Verdacht, dass sein Vater hinter dem Verschwinden Richards steht. Im Regengrau der Herbstmonate kommt Cal einem verstörenden Geheimnis auf die Spur, das ihn selbst vor eine Entscheidung stellt – und seine Kindheit endgültig in Trümmern legt.

Nick Dybek (Jahrgang 1980) legt einen beeindruckenden Debütroman vor über Geheimnisse und Schuld, Loyalität und Verantwortung. Stilistisch erstaunlich sicher, ob Naturschilderungen, Milieustudien oder die Dialoge besonders der jüngeren Leute, braucht sich der Roman nur wenige Schwächen vorwerfen zu lassen. Manchmal will der junge Literat vielleicht ein bisschen zu viel, und im letzten Drittel verliert der Roman an Schwung wie ein Schiff, das seinen Kurs aufgibt, um noch etwas länger auf See bleiben zu können. Die Geschichte wird hier zu langatmig und erhält etwas Ratloses, ja Hohles. Auch, weil Dybek einen literarischen Kniff überstrapaziert, die Antizipation: gar zu oft überlässt sich der Erzähler Vorstellungen, wie eine Situation in der Zukunft ablaufen werde, bevor die Ereignisse tatsächlich geschildert werden.

Wirklich enttäuschend jedoch ist das Ende: die letzte, fundamentale Entscheidung des Protagonisten folgt einer rein dramatischen Logik der Geschichte, die auf einer Wende beharrt, nicht aber der Logik der Charaktere oder der konkreten Ereignisse und wirkt daher auf geradezu verärgernde Weise unbegründet und willkürlich.

Trotzdem: ein gutes, spannendes literarisches Debüt.

Nick Dybek: Der Himmel über Greene Harbor. Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Fingerhuth. (Original: When Captain Flint Was Still a Good Man, 2012). Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 319 Seiten. © 2013 mareverlag Hamburg.

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