Blaubier und kalte Platte – Das Haus des Dokumentarfilms

Am Büfett gibt es Schnittchen mit veganer Leberwurst und Blaubier aus anonymisierten Flaschen. Wer den jeweiligen Inhalt richtig errät, erhält ein zweites Bier kostenlos. „Wulle! So schlonzig wie es ist.“ Aber nein, in dieser Flasche war norddeutsches Astra – verschärfte Bedingungen, denn wer erwartet so etwas in Schwaben.

Im Haus des Dokumentarfilms an der Stuttgarter Karlshöhe startete dieses Frühjahr die Reihe „YoungDOK“ – um dokumentarischen Filmemachern die Möglichkeit zu geben, ihre Produktionen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Organisiert von einer sehr rührigen Filmstudentin (Nordlicht wie das tückische Astra), lief im Mai als zweiter Film der Reihe „Die kalte Platte“, eine Doku über die Geschichte des Kleinen Schloßplatzes – einem über Jahrzehnte hinweg umstrittenen Stück Stuttgarter Innenstadt. Hervorgegangen war der Film als Studienprojekt von Chi-Hun Whang, Cem Kaya und Guido Negenborn an der Merz Akademie. Es war die erste intensive Beschäftigung der drei mit dem Dokumentarfilm. Entsprechend unbelastet näherten sich die Studenten ihrem „Protagonisten“ mit einem sehr spielerischen, erfrischenden Zugang.

Der Film rollt die Geschichte des Kleinen Schloßplatzes von seiner Eröffnung 1969 bis 2002 auf – ein Paradestück zeitgenössischer Stadtarchitektur und Unort zugleich: von der „autogerechten Stadt“ der 60er-Jahre (Bürger wurden damals offenbar als Autofahrer definiert); die verzweifelten Versuche, die „Kalte Platte“ zu beleben; die Ansiedlung „dysfunktionaler Gruppen“ (so ein Philosoph im Filminterview), die sich in der Presse in Schlagzeilen wie „Ist hier allmählich Klein-Chikago?“ niederschlug; der Umbau in die beliebte Freitreppe als Wahrzeichen Stuttgarts; die Jahrtausendwende mit der „Gaskammer“, als eine Bahn des Tunnels unterm Schloßplatz für Skater freigegeben wurde – eingeklemmt zwischen der abgasgeschwängerten Parallelspur und dem Straßenstrich; bis hin zum Bau des „Kubus“ – und dem politischen Nachbeben, das der Film für das Kunstmuseum auslöste.

IMAG0124Das rätselhafte Getränk

Zehn Jahre nach seiner Fertigstellung stellte sich Filmemacher Guido Nebenborn nach der Vorführung den Fragen des Publikums. Das Haus des Dokumentarfilms will ein „angstfreies Forum“ bieten, betonte die Geschäftsführerin zur Eröffnung, und das verwirklichte sich doch recht gut zwischen den Sitzreihen im knalligen 70er-Jahre-Orange. „Weist der Film über Stuttgart hinaus?“, fragte der sympathische Diskussionsleiter vom SWR. Erstaunlich, wie viele Deutungen der Film zulässt.

Und nebenbei ergaben sich unerwartete Gespräche: von ägyptischer Musik und der sozialen Stratifikation der Hörerschaften von Hassan el Asmar und Amr Diab über autobiographische Erzählungen aus der Schloßplatz-Szene der 80er-Jahre (wilde Fluchten vor rivalisierenden Punks inklusive) bis hin zum Hocharabisch der libanesischen Hisbollah-Geistlichkeit.

Ein spannender Abend in einem ganz angstfreien Forum.

Am 4. Juli geht es weiter mit YoungDOK im Haus des Dokumentarfilms. Der Eintritt ist frei.

Haus des Dokumentarfilms – Europäisches Medienforum Stuttgart
Mörikestraße 19 – 70178 Stuttgart

„Die kalte Platte“. Ein Film von Chi-Hun Whang, Cem Kaya & Guido Negenborn.
© 2003 KATO, Schwabentuerke, Cpt. Mono’s.

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