Chorprobe im Regionalexpress

Der Zug zuckelt über das Mittelgebirge, als sich in der Schar der Senioren, die fast alle Plätze im Waggon eingenommen haben, ein neuer Ton erhebt. Eine Dame am Ende des Wagens steht auf und ruft „jetzt singen wir“. Ein Einwand, man könnte die drei, vier anderen Mitreisenden etwa stören, wird von der Dirigentin munter abgeschmettert. Als der Gesang anhebt, bin ich erleichtert: kein angetrunkener Wanderausflug, der sich noch eine schiefe Peinlichkeit leistet, sondern tatsächlich so etwas wie ein Chor.

„Wenn mein Liebchen Hochzeit hat / Ist für mich ein Trauertag“, geht es rund um mich herum los und fröhlich singt der Wagen von Grab und Leichenstein. Ein Lied folgt dem nächsten, der Lenz wird besungen, als wären die Singenden noch einmal halb so alt an diesem verregneten Maientag.

Irgendwann werden die Stimmen dann doch weniger und es wird beinahe still: Der eine oder andere Senior ist einfach eingeschlafen.

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