„Ich habe doch Demenz“

In der Samstagvormittagshektik hastet ein Paar an mir vorbei. Ich verstehe nur das letzte Wort seines Satzes, im vorwurfsvollen Ton: „… vergessen.“ Sie antwortet abwehrend. „Ich habe doch Demenz.“

Es klingt nicht nach einem Witz, nicht nach Ironie, nicht nach hämischer Revanche auf eine frühere Bemerkung des Mannes. Die Frau ist jung, 30 vielleicht, kaum älter. Sie wirkt nicht wie eine Alkoholikerin, sie mag ein schlichter Mensch sein, aber sie macht nicht den Eindruck, geistig minderbemittelt zu sein.

War der Satz wirklich ihr Ernst?

Und wenn ja, was bedeutet das?

Gehört sie zu einer bedauernswerten, verschwindend kleinen Minderheit, deren Hirn in jungen Jahren bereits so zerfällt, um „Demenz“ zu diagnostizieren? Oder erhält hier etwas anderes – eine harmlose Gedächtnisschwäche, Unkonzentriertheit, Schusseligkeit, eine gewisse Ferne von der eigenen Lebensmitte – einen klinischen Namen, sauber etikettiert, zweifelsfrei klassifiziert und ist damit – was? Vorwand, eine Entbindung von Selbstverantwortung? Ist es dermaßen verlockend in unserer verwirrenden Gesellschaft, Verantwortung abzulegen, um sich bereits mit 30, 35 Jahren hinter „Demenz“ verschanzen zu müssen?

Als ich weitergehe, habe ich keine Ohren mehr für die Worte um mich herum.

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