Helon Habila, „Öl auf Wasser“

„In der Flussmitte war das Wasser klar, näher an den Ufern stand es brackig, eingeschlossen von den Mangroven, in deren Zweigen der Dunst in Klumpen hing wie Baumwollbällchen.“ Seit Stunden und Tagen kämpft sich das Boot durch das unüberschaubare Delta flussaufwärts, hindurch durch eine endzeitliche Landschaft. Ölschlieren treiben auf den Wellen, ein abgetrennter Arm kündet stumm von erbarmungsloser Gewalt, verlassene, aufgegebene Dörfer säumen die Ufer, Rauch und Dunst und Fieberschwaden hängen in der Luft und immer wieder die apokalyptisch aufschießenden Flammensäulen der Ölförderanlagen.

Es ist eine Reise ins moderne Herz der Finsternis, die die beiden nigerianischen Reporter Rufus und Zaq auf der Suche nach den Entführern einer Europäerin auf sich nehmen. Das Land verendet an der Ausbeutung durch die internationalen Ölkonzerne, eine enthemmte Armee und Rebellen liefern sich in den Dschungeln Gefechte und die einfachen Fischer und Bauern fliehen in die Großstadtslums, wenn sie nicht den Rebellen und Banden zulaufen oder in den Konflikten zerrieben werden.

In einem ganz moralinfreien, aber nicht emotionslosen Ton und in zahlreichen Rückblenden, unüberschaubar wie die Arme des Nigerdeltas und zeitlos wie Fieberattacken, lässt der Autor den Nachwuchsjournalisten Rufus von der Irrfahrt ins dunkle Herz des globalisierten Afrikas berichten – mehr als nur ein Polit- und Umweltkrimi.

Von britischen und deutschen Medien hochgelobt, mehrfach preisgezeichnet und mit Joseph Conrad und Graham Greene verglichen (Habila dürfte weniger lakonisch, aber auch weniger routiniert sein), ist „Öl auf Wasser“ nicht der ganz große, runde literarische Wurf, aber ein durchaus packender, lesenswerter Roman des 21. Jahrhunderts.

Der schmale Pappband mit dem ansprechenden Cover (ohne Schutzumschlag) kostet 24,80 Euro – schlichter Realismus eines Kleinverlags mit Nichtmainstreamprogramm. Als Fußnote sei trotzdem angemerkt, dass bei einem solchen Preis gewisse Schwächen der Ausgabe wie eine nicht vorbildgebende Typographie, Mängel im Lektorat (Kommasetzung) oder ein augenscheinlich willkürlich unvollständiges Glossar afrikanischer Begriffe doch einen kleinen Wermutstropfen bilden.

Nichtsdestotrotz – „Öl auf Wasser“ ist eine schöne verlegerische Leistung (die erste deutsche Übersetzung eines Habilatitels) und ein Gewinn für den deutschsprachigen Buchmarkt. Denis Scheck („Druckfrisch“) darf in seinem Urteil über die im Frühjahr 2010 gestartete Reihe zeitgenössischer afrikanischer Literatur freimütig zugestimmt werden: „eine wunderbare neue Buchreihe, die heißt AfrikaWunderhorn“.

Helon Habila, Öl auf Wasser.
Roman. Aus dem Englischen von Thomas Brückner.
© 2012 Verlag Das Wunderhorn

http://www.wunderhorn.de/wunderhorn/content/buecher/pool/978_3_88423_391_7/index_ger.html

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