A. J. Liebling, „Die artige Kunst“

„Ich holte mir an der Theke meinen Tee und ein helles Zwiebelbrötchen mit Räucherlachs und suchte mir einen Platz an einem Tisch, wo ich mich zwischen zwei jungen Polizisten fand, die darüber sprachen, weshalb Walt Disney sich nie an einer Filmversion von Kafkas ‚Verwandlung’ versucht hat.“

Seien wir ehrlich, in A. J. Lieblings Boxkampftexten (Original „The Sweet Science“, 2009 in einer deutschen Ausgabe bei Berenberg in gewohnt ansprechender Ausstattung erschienen) geht es weit mehr um den Profiwettkampf als um solche treffenden gesellschaftlichen Skizzen. Aber diese hellwachen, immer ironischen Beobachtungen durchziehen alle Texte des Journalisten Liebling und machen das Buch auch für Nichtboxfreunde interessant.

„Die artige Kunst“, das ist eine Berichterstattung aus dem amerikanischen Boxsport der 50er-Jahre – Größen wie Rocky Marciano, Joe Louis, Sugar Ray Robinson, Archie Moore, Jersey Joe Walcott, Ezzard Charles und andere, die heute wohl nur in einem eher überschaubaren Kreis Eingeweihter noch ein Echo auslösen. Und als Spiegel dieser Epoche greift Liebling beinahe zärtlich immer wieder auf eine für ihn längst verflossene Ära (nicht sehr viel länger als zwischen ihm und uns Lesern heute) zurück, die des Pierce Egan, des gewissenhaften Chronisten der frühen Boxtage in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Boxkämpfe noch illegale, aber ständeübergreifende Massenspektakel waren, auf denen die „Schlegler“ ohne Handschuhe gegeneinander antraten.

Namen von Sportlern, Trainern, Promotern und Schiedsrichtern, Begriffe und Gewichtsklassen fallen ohne jede Erklärung, ohne eine Hilfestellung des Übersetzers, aber man muss sich einfach fallen lassen in diese lebendigen Chronistenberichte einer vergangenen Zeit (in „die mythische Ferne“ und den Tonfall „von alten Heldenliedern“, wie der Übersetzer selbst im Vorwort sagt) und kann auch als ein dem Boxkampf Fernstehender dem Buch durchaus einen eigenen Reiz abgewinnen und zumindest ahnen, warum es Sports Illustrated als „das beste Sportbuch aller Zeiten“ galt.

A. J. Liebling, Die artige Kunst. Joe Louis, Rocky Marciano und die klassische Ära des amerikanischen Boxkampfs.
Aus dem Amerikanischen, mit Anmerkungen und einer Einleitung von Joachim Kalka.
© 2009 Berenberg

http://www.berenberg-verlag.de/programm/die-artige-kunst/

Advertisements

4 Gedanken zu „A. J. Liebling, „Die artige Kunst“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s