Najem Wali, „Jussifs Gesichter“

„Wer von uns hat sein Gedächtnis noch nicht verloren? Am Ende sind wir alle Verlorene auf Bewährung.“

978-3-446-23006-4-Grosses-Cover-397x648„Ich wusste nicht, warum ich auf einmal Angst bekam, die Person, die dort schlief, könnte jede sein außer mir selbst.“ Jussif ist auf der Flucht vor sich selbst zu sich hin. In ständigem Widerstreit mit seiner eigenen Identität kehrt er immer wieder zu seinem inneren Ausgangspunkt zurück, der Erinnerung an das kleine Mädchen mit den grünen Augen, den blonden Zöpfen und dem blauen T-Shirt, Quell seines Heils und Unheils, Leuchtturm seiner Erinnerung. Das Mädchen war einst seine erste, unschuldige Liebe, doch sein Bruder Junis tötete es mit einem Kuchen voller Nägel und brachte Jussif an seiner Stelle ins Gefängnis. Das war der erste Schritt in ein Schattenlabyrinth aus Identitäten.

Als sein Bruder später untertauchte, nahm Jussif dessen Namen an, um seiner Geschichte aus Schuld und Scham zu entweichen. Doch der Rollentausch war verhängnisvoll, denn irgendwann stellte sich heraus, dass Junis ein Folterknecht war – und zuletzt unter dem Namen Jussif mit der amerikanischen Armee als Befreier zurückkehrte. Nun ist der wahre Jussif gleichermaßen bedroht von den nach Rache dürstenden Opfern des Folterknechts wie von seinem Bruder selbst, der um seine neue Identität fürchtet. Da aber hat sich der echte Jussif längst in einem Dickicht aus Namen und Masken verloren.

Mit einem Kassettenrekorder versucht er seine Erinnerungen einzufangen und irrt, halb fliehend, halb suchend, durch die Straßen Bagdads. Er gleicht einem Phantom in einer Geisterstadt im „Land der Siegreichen und Gedemütigten“, das durch Diktatur, Terror, Folter, Lügen, Kriege und Besatzung sich selbst entfremdet ist. In den Leichenhallen der Stadt forscht er nach sich selbst – wurde er hier abgeliefert? – und lauscht den Monologen von Verrückten („Wir alle brauchen einen Vergessensapparat. Das gesamte Land muss sich erinnern, um vergessen zu können“). Er besucht Josef Karmali, den geschickten Fälscher, der allen Identitäten zu einer behördenwirksamen Realität verhelfen kann. Ins dunkle Kino, dem Reich der Illusionen und Masken, flüchtet er vor seinen Verfolgern. Seine Schwägerin besucht er heimlich, um in der Rolle des Junis seinen Ehepflichten nachzugehen und weiß dabei nicht, für wen sie ihn wirklich hält – Jussif oder Junis. Seine eigene Ehefrau Sarab („Fata Morgana“) droht ihm gleichzeitig angesichts seiner Sprachlosigkeit zu entgleiten.

Zuletzt strandet er in der Mekka-Bar, die „der einzige Ort in diesem Land ist, an dem die Meinungsfreiheit keine Grenzen kennt und die Leute daher zu ihr pilgern.“ In dem kleinen und schmutzigen Lokal treffen sich Irrfahrer am „Tisch der Hoffnungslosen“, trinken Arrak und erzählen Geschichten und treiben auch hier das Spiel um Verschleierung und Wahrheitssuche weiter, bis Jussif schließlich erlöst zu sein scheint: Doch ist das erst der Anfang der Geschichte.

Ein dunkles Maskentreiben, ein kafkaeskes Verwirrspiel, ein Traumlabyrinth frei von Zauber: eine übersteigerte Hommage an den europäischen Existenzialismus und zugleich ein Spiegel der irakischen Seele, ja wer weiß, möglicherweise sogar so etwas wie ein Schlüsselroman zur modernen arabischen Identität. Aber ein Genuss, nein, das nicht.

Najem Wali, Jussifs Gesichter. Roman aus der Mekka-Bar.
Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien.
© 2008 Carl Hanser Verlag München

Titel der arabischen Originalausgabe Surat Jussif [d.i. Sure 12 des Korans]. Der Band liegt auch in einer Lizenzausgabe bei dtv vor.

http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23006-4

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